„Sprache 1“
Der 21. Februar ist der „Internationale Tag der Muttersprache“. So hat es die Unesco beschlossen, und so wird der „International Mother Language Day“ seit 2000 gefeiert. In deutschen Ohren klingt dieser Begriff der „Muttersprache“ seltsam. In den einschlägigen Fachsprachen, der Linguistik und der Pädagogik, wird er nicht mehr benutzt, ist regelrecht geächtet, und in der Alltagssprache ist er weitgehend an den Rand gedrängt. Die Linguistik benutzt lieber den klinisch sauberen Begriff „Erstsprache“, oder, ganz professionell, „S1“. Und auf S1 kann dann, wenn alles gut geht, S2 folgen, und auf S2 S3. Nur die wissenschaftliche Zeitschrift „Muttersprache“ trägt auch im 136. Erscheinungsjahr immer noch unbeirrt ihren ursprünglichen Titel. Aber das ist Nostalgie. In der Wissenschaft gibt es keine „Muttersprache“ mehr; auch aus den Fachlexika ist sie verschwunden, wird allenfalls noch in einem drei Zeilen-Eintrag als Relikt vergangener Zeiten erwähnt,
Nun wissen aber auch Linguisten, dass die „Erstsprache“ etwas konstitutionell anderes ist als die Zweit-, Dritt‑ oder Viertsprache. Die Erstsprache ist eben die „Muttersprache“, während die Zweit-, Dritt‑ oder Viertsprache, von Sonderfällen abgesehen, jeweils „Fremdsprachen“ sind. Neuerdings will man herausgefunden haben, was nicht unplausibel ist, dass auch Ungeborene schon im Mutterbauch anders auf die „Muttersprache“ reagieren als auf eine Fremdsprache.
„Sprache“ ist das Fundament aller Erziehung, aller Sozialisation und aller Kultivierung, und Sprache beginnt mit der „Muttersprache“. Von der Fähigkeit zum Sprachgebrauch hängt die Qualität sozialer Beziehungen ab, und sie ist auch die Voraussetzung für die Politik‑ und Demokratiefähigkeit der nachwachsenden Generation. Darauf hat man sich inzwischen auch in der Wissenschaft geeinigt, und deshalb legen „Schulleistungsstudien“ zu Recht so großen Wert darauf, die sprachlichen Fähigkeiten von Schülern zu messen. Aber welche Sprache sie messen, bleibt im Dunkeln. Die „Muttersprache“ ist es jedenfalls nicht. Es ist vielmehr eine Kunst- und Schrumpfsprache, die sich im Wesentlichen darauf beschränkt, aus schriftlich fixierten sprachlichen Äußerungen Informationen zu entnehmen. Diese Sprache nennt man dann „Landessprache“, „Verkehrssprache“, „Schulsprache“ oder“ „Umgangssprache“, man könnte sie auch „Pisa-Test-Sprache“ nennen.
Die Muttersprache ist etwas anderes. Die Muttersprache führt einen emotionalen Überschuss mit sich. Sie ist die sprachliche Form, in der der Mensch überhaupt in die Sprache eingeführt wird, mit der er sich die Welt durch Benennen erschließt und mit der er sich dann mit seiner Umgebung verständigt. Und in aller Regel wird der Mensch damit auch in eine Sprachgemeinschaft eingegliedert, sofern er nicht unter Kaspar-Hauser-Bedingungen aufwächst, was niemandem zu wünschen ist. Eine Sprachgemeinschaft ist immer eine Lebens‑ und Weltdeutungsgemeinschaft. In der älteren Sprachwissenschaft, die noch den Spuren Wilhelm von Humboldts folgte, hat man diese Zusammenhänge noch gründlich diskutiert, während die neuere sie fast gänzlich fallen gelassen hat.
Die Konkurrenz der Sprachen
Die Diskussion um die Muttersprache hat eine lange Vorgeschichte. Der Begriff ist alt, er reicht wohl ins 15. Jahrhundert zurück. Die Muttersprache war die Volkssprache, und um die Mitte des 18. Jahrhunderts gab es einige Kontroversen um den Rang, den die Volkssprache gegenüber der Gelehrtensprache Latein haben solle. Auf der einen Seite standen die Rationalisten, die Verfechter einer standardisierten Hochsprache, die ihr Vorbild in den Residenzen und den Amtsstuben suchen sollte. Das war der Weg zur Einheitssprache, wie sie vom wirkungsmächtigen Frühaufklärer Johann Christoph Gottsched in seiner „Deutschen Sprachkunst“ gefordert hatte. Dabei schwebte ihm und anderen merkwürdigerweise das Sächsische als Ideal vor. Es gab auch Gegenstimmen. Der reformpädagogisch sehr einflussreiche Joachim Heinrich Campe machte gegen die Bevorzugung der „Hochsprache“ den sprachlichen Reichtum der Mundart geltend. An deren vielfältige Ausdrucksmöglichkeiten bei der Beschreibung alltäglicher Wirklichkeit reiche die Hochsprache der Gebildeten nicht heran. Allein für die verschiedenen Arten des Regens führte er acht verschiedene niederdeutsche Verben an, von „es schmuddert“ bis „es gießt“. Die Muttersprache ist in der Regel auch eine mehr oder weniger stark ausgeprägte Dialektsprache. Sie hat nicht nur ihren eigenen, stark ausdifferenzierten Wortschatz, sondern auch eigene, oft einzigartige, grammatische Formen. Nur diese Muttersprache reicht in die letzten Winkel der Lebenswirklichkeit hinein.
Aber der Ausdrucksreichtum ist eine zwiespältige Angelegenheit. Eine Sprache, die nur in der eigenen Familie, dem dörflichen Umfeld oder allenfalls noch in der Region verstanden wird, wird den Anforderungen einer sich modernisierenden Gesellschaft nicht gerecht. Deshalb beginnt mit dem 18. Jahrhundert die Geschichte der Sprachnormierung und ‑standardisierung, die sich zunächst nur auf die Schrift beziehen konnte. Die Schriftsprache wird langsam zur Norm der Hochsprache, während daneben die muttersprachlichen Dialekte in der Alltagssprache und Nahkommunikation erhalten bleiben. Bis eine überregionale Normierung der gesprochenen Sprache sich durchsetzen konnte, mussten noch zwei Jahrhunderte vergehen. Erst unter dem Einfluss der elektronischen Medien Radio und Fernsehen hat sich eine Standardsprache herausgebildet, die deutschlandweit und auch in der Schweiz und in Österreich verstanden, wenn auch nicht unbedingt gesprochen wird. Ein Sonderfall ist die deutschsprachige Schweiz geblieben. Das Schwyzerdüütsch ist ein allemannischer Dialekt, der schichtübergreifend in allen Alltagssituationen gesprochen wird, während Hochdeutsch in formellen Kommunikationszusammenhängen und in der Schriftsprache verwendet wird.
Sprachpolitik im Migrationszeitalter
Wenn nun die Unesco einen „Tag der Muttersprache“ ausgerufen hat, dann verfolgt sie selbstverständlich politische Ziele, die sich bei genauerer Betrachtung ziemlich zwiespältig ausnehmen. Zum einen wirken die alten, humboldtschen Traditionen nach. Die Muttersprache sei Ausdruck kultureller Identität, heißt es; sie verdiene deshalb Förderung. Diese Förderung, das ist eine zweifellos zutreffende Folgerung, wiederum diene der Erhaltung sprachlicher Vielfalt und bewahre bedrohte Sprachen vor dem Aussterben. Das ist alles richtig. Aber gemeint hat die Unesco etwas anderes. Der „Tag der Muttersprache“ dient keineswegs der Pflege der Muttersprache, schon gar nicht der deutschen, vielmehr der „Förderung sprachlicher und kultureller Vielfalt und Mehrsprachigkeit“. Aber „kulturelle Vielfalt“ und „Mehrsprachigkeit“ sind geradezu der Gegenentwurf zur „Muttersprache“.
In der Bundesrepublik der 1980er Jahre wurde eine schulpolitische Diskussion über den „muttersprachlichen Unterricht“ initiiert, der gerade kein Unterricht in der Sprache des Landes war, in dem man lebte. Gemeint waren vielmehr die Herkunftssprachen der Arbeitsmigranten. Das war damals Türkisch, Griechisch, Italienisch, Spanisch und Portugiesisch. Dann kamen die Spätaussiedler aus Polen und der Sowjetunion, denen man ebenfalls jeweils „muttersprachlichen Unterricht“ anbieten wollte. Funktioniert hat das nicht, schon deshalb nicht, weil das weder zu finanzieren noch zu organisieren war.
Und schließlich kam man an der Einsicht nicht vorbei, dass es auch im Migrationszeitalter ohne eine gemeinsame Sprache nicht geht. Das kann aber unter den Bedingungen einer Migrationsgesellschaft nicht mehr die „Muttersprache“ einer jeden einzelnen zugewanderten Ethnie sein, denn dann würde die Gesellschaft zu einem babylonischen Sprachgewimmel auseinanderfallen. Aber die Forderung, dass Zugewanderte die Landessprache beherrschen sollten, ist riskant. „Linguizismus“ sei eine „spezifische Form des Rassismus“, versichern fortgeschrittene Sprachwissenschaftlerinnen, und damit wäre jede Diskussion über eine gemeinschaftliche Landessprache beendet.
Die Sprache der Migrationsgesellschaft
In der Politik weiß und sagt man trotzdem, dass der Beherrschung der Landessprache eine schlechterdings unverzichtbare Voraussetzung für die ökonomische, soziale und kulturelle Integration ist. In fernen Zeiten hat man in der Bundesrepublik einmal festgelegt, dass Einbürgerungswillige die deutsche Sprache auf einem alltagstauglichen Niveau beherrschen müssen. Wer deutscher Staatsbürger werden will, „muss ausreichende Kenntnisse der deutschen Sprache“ haben. So zumindest steht es im Staatsangehörigkeitsgesetz Es wird auch gesagt, was darunter zu verstehen ist: dass nämlich „der Ausländer die Anforderungen einer Sprachprüfung der Stufe B 1 des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen erfüllt“, das heißt: Er kann „die Hauptpunkte verstehen, wenn klare Standardsprache verwendet wird und wenn es um vertraute Dinge aus Arbeit, Schule, Freizeit usw. geht.“ Seit 2009 gibt es den skalierten „Deutsch-Test für Zuwanderer“ (DTZ), welcher die Sprachkenntnisse auf den Niveaustufen A2 und B1 vermittelt und bei bestandener Prüfung auch attestiert.
Im Jahre 2024 haben im Zuge eine Turbo-Programms knapp 300 000 Ausländer die deutsche Staatsbürgerschaft erworben – wobei man das „erworben“ in einer unbekannten Zahl von Fällen wörtlich nehmen kann. Auch wenn man eine Sprache nach wie vor nicht käuflich erwerben kann, so geht das doch immerhin mit einem Sprachzertifikat. Das Zertifikatswesen im Einbürgerungsverfahren ist genau geregelt, nicht geregelt sind jedoch die Preise für den Erwerb eines gefälschten Sprachzertifikats. Man kann sie der Presse entnehmen; sie liegen bei rund 3000 Euro; auf dieser Basis scheint inzwischen eine blühende Industrie entstanden zu sein.
In der DDR mussten übrigens für die Verleihung – nicht den „Erwerb“ – der DDR-Staatsbürgerschaft keine Deutschkenntnisse nachgewiesen werden. Man war froh über jeden, der freiwillig ins Land kam und wollte keine unnötigen Hürden aufbauen. Nach dem „Gesetz über die Staatsbürgerschaft der DDR“ von 1967 konnte ein Ausländer Staatsbürger werden, wenn er sich durch „seine Einstellung zur Staats- und Gesellschaftsordnung der Deutschen Demokratischen Republik der Verleihung der Staatsbürgerschaft der Deutschen Demokratischen Republik würdig erweist“. Das wiederum verlangt die Bundesrepublik von ihren Neubürgern nicht.
In der bundesdeutschen Migrationsgesellschaft herrschen ziemlich komplizierte sprachliche Verhältnisse. Man muss damit rechnen, dass neben der Mutter‑, Verkehrs‑ und Landessprache Deutsch beträchtliche Teile der Wohnbevölkerung eine andere Muttersprache haben. Und sie haben sie nicht nur, sondern sie nutzen sie auch, ganz so, wie es sich die Unesco wünscht. Nennenswerte Bevölkerungsteile haben in ihren jeweiligen Enklaven –früher sprach man von Parallelgesellschaften – auch in der zweiten oder dritten Generation eine andere Verkehrssprache als die Landessprache, die sie zum Teil auch gar nicht beherrschen. Das Statistische Bundesamt hat beim Mikrozensus von 2022 das Sprachverhalten der deutschen Wohnbevölkerung erfragt. Danach sprachen knapp ein Viertel der Personen mit Einwanderungsgeschichte zu Hause ausschließlich eine andere Sprache als Deutsch. An der Spitze stand Türkisch, gefolgt von Russisch, Arabisch, Polnisch, Englisch und Rumänisch. Es ist abzusehen, dass die „Muttersprache Deutsch“ in nicht allzu ferner Zeit auch nur eine weitere Sprache in dieser Aufzählung sein wird, eine nur in privaten Kontexten verwendete und verständliche Vernakular‑ oder Alltagssprache.
KI als Verkehrssprache
Ende November 2022 wurde ChatGPT vorgestellt. Seitdem ist alles anders. Die beeindruckende Perfektion, mit die Large Language Models sprachliche Kompetenz simulieren können, überbietet jede menschliche Sprachfähigkeit. So wie seit Jahrzehnten schon kein Mensch mehr einen hochwertigen Schachcomputer schlagen kann, kann auch kein Muttersprachler mehr jene fehlerfreie Geschmeidigkeit des sprachlichen Ausdrucks erreichen, wie sie ein KI-gestützter Chatbot in Sekundenschnelle auswirft. Herausragende Erfolge hat die KI inzwischen beim Übersetzen von Fremdsprachen erzielt. KI-Übersetzungen haben inzwischen auch in regulären Kommunikationszusammenhängen einen extrem hohen Perfektionsgrad erreicht, davon profitieren internationale Wirtschaftsbeziehungen profitieren ebenso wie das Tourismusgeschäft.
Diese Erfolgsgeschichte hat eine Kehrseite. Die Sprachkompetenz der Künstlichen Intelligenz erleichtert die Ghettobildung. Zugewanderte ethnische Kollektive können die notwendigen Kontakte mit der autochthonen Gesellschaft, das Ausfüllen eines Bürgergeldformulars oder eines Einbürgerungsantrags, mühelos mit Übersetzungsprogrammen abwickeln, ohne sich der Mühe des Spracherwerbs unterziehen zu müssen. Aber der Spracherwerb ist nun einmal der erste, der wichtigste und der am meisten Erfolg versprechende Schritt zur Akkulturation und Integration in eine Aufnahmegesellschaft.
Auch im Vatikan ist man alarmiert. Papst Leo XIV. warnte im Februar 2026 seine Priester davor, ihre Predigten der Künstlichen Intelligenz anzuvertrauen. „Künstliche Intelligenz“ werde niemals, so erklärte er sicher zu Recht, den Glauben predigen können. Die Warnung des Papstes ist sicher nicht unbegründet. Denn Predigten unterliegen der sehr traditionsreichen, ins Mittelalter zurückreichenden Kunst der Homiletik; einer rhetorischen Praxis, die stark formalisiert und deshalb besonders ChatGPT-anfällig ist. Aber ChatGPT, da hat der Papst recht, hat keinen Glauben, keine Beziehung zu Gott und keine Beziehung zu Menschen
Chatbots kennen auch keine Muttersprache. Für sie sind alle Sprachen gleich. Jeder kann sich jetzt mit jedem auf gleichem sprachlichen Niveau unterhalten; das wechselseitige Vorzeigen von Smartphone-Screens erspart die Mühe der Wortfindung und Satzbildung; vom Sprechen und Verstehen fremder Sprachen ganz zu schweigen.
In seinem Versepos „Deutschland, ein Wintermährchen“ von 1844 schrieb Heinrich Heine: „Und als ich die deutsche Sprache vernahm, | Da ward mir seltsam zumute“. Die deutsche Sprache war die Muttersprache des Exilanten, die ihn auch nach 13 Exiljahren in Paris emotional berührt. Auch die von Chatbots ausgeworfene Sprache kann den Hörer seltsam berühren, sofern er noch ein Ohr dafür hat. Das hat dann aber andere Gründe.
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Am 8. Februar 2026 wurde im „Kontrafunk“-Internetradio in der Reihe „Audimax – das Kontrafunkkolleg“ der Hörfunkvortrag
Die Zivilgesellschaft
Aufstieg und Niedergang einer bürgerlichen Lebensform
von Peter J. Brenner gesendet.
Die Sendung ist im Podcast hier gebührenfrei verfügbar.
Die Zivilgesellschaft ist ein Schlüsselbegriff des zeitgenössischen Demokratieverständnisses. Ihre Wurzeln reichen in die Zeit um 1800 zurück, als sich die bürgerliche Gesellschaft vom Obrigkeitsstaat emanzipierte und ihre Angelegenheiten selbst in die Hand nahm. Diese alte Zivilgesellschaft gibt es nicht mehr. Sie wurde aufgesogen von einem immer globaler werdenden Netzwerk von NGOs, Regierungen, Behörden, Stiftungen, staatsnahen Medien. Die bürgerliche Gesellschaft muss neue Formen zur Gestaltung ihrer Lebenswelt und zur Wahrnehmung ihrer Interessen hervorbringen.