„Aktion Eichhörnchen“

„Denk dran, schaff Vorrat an!“ – diese Botschaft richtete die Bundesregierung mit ihrer „Aktion Eichhörnchen“  in den 1960er Jahren an die Bevölkerung. Die Kampagne beruhte auf dem noch sehr präsenten Wissen aus der Kriegszeit, dass auch in einer modernen Wohlstandsgesellschaft die Lebenswirklichkeit fragil ist.  Die staatliche Ordnung, die gesellschaftlichen Verflechtungen, die wirtschaftlichen Leistungen, die öffentliche Infrastruktur stützen die Menschen und sichern die Stabilität der Lebensverhältnisse. Aber die Botschaft der Bundesregierung enthielt die Warnung, dass der Staat und die Gesellschaft nicht für alles sorgen können und dass die Menschen sich am Ende um sich selbst kümmern müssen.

Im Laufe der Wohlstandsjahre ist in der Bundesrepublik diese Einsicht verloren gegangen. Mehr noch: Wer der allumfassenden Staatgarantie einer umfassenden Rundumversorgung in jeder denkbaren Lebenslage mit leichter Skepsis begegnet und selbst einige Vorsorge für unerwartete Notfälle trifft, wird zum Verdachtsfall. Dafür hat sich der Name „Prepper“ eingebürgert. „Prepper“ misstrauen der Regierung und delegitimieren den Staat, auch wenn sie nur das tun, was das „Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe“ an ziemlich versteckter Stelle empfiehlt. Dieses weitgehend unsichtbare Bundesamt hat einen Ratgeber in sehr leichter Sprache mit dem Titel „Vorsorgen für Krisen und Katastrophen“ veröffentlicht. Er empfiehlt,  „Essen und Trinken“ für zehn Tage zu bevorraten. Aber wer das tut, sollte aufpassen. Noch im April 2025 konnte die öffentlich-rechtliche „Tagesschau“ sich über ein rechtsextremes „Prepper-Netzwerk“ lustig machen, „das sich systematisch auf den ‚Tag X‘ vorbereitet, also auf den angeblich drohenden Zusammenbruch der staatlichen Ordnung.“

Der Tag X kam dann am 6. Januar 2026 in Berlin. Im Südwesten der deutschen Hauptstadt fiel der Strom aus; rund 45 000 Haushalte, 2200 Unternehmen und etwa 100 000 Menschen waren betroffen. Sie mussten vier Nächte in Turnhallen oder anderen Notunterkünften verbringen. Licht, Heizung und Warmwasser, Mobilfunk und Internet fielen aus, Tankstellen und Geldautomaten funktionierten nicht mehr, Geschäfte mussten schließen. Es kam zu Schäden an Heizungssystemen und Wasserleitungen. Aus der ganzen Bundesrepublik wurden die verbliebenen tonnenschweren Notstromaggregate herangeschafft. Die 1700 Generatoren, die  über das THW bereits an die Ukraine verschenkt worden waren, kamen allerdings nicht mehr zurück.

 

Die Brutstätte

Überraschend kam das nicht.  Denn „ausgefallen“ ist der Strom keineswegs. Eine Handvoll Ökoterroristen hatte eine Kabelbrücke in Berlin in Brand gesetzt und damit einen ganzen Stadtteil lahmgelegt. Die Täter bekannten sich öffentlich zu diesem ökoterroristischen Gewaltakt. Zwischendurch waren auch mal „die Russen“ schuld, aber das war von Anfang an eine wenig glaubwürdige Erzählung. „Die Russen“ wissen, dass man die Zerstörung Deutschlands den Deutschen selbst überlassen kann.

Nach der Zählung des Bundesinnenministeriums war es der 13. Anschlag einer lockeren Ökoterroristenverbindung, die sich selbst als „Vulkangruppe“ bezeichnet. Sie benennt sich nach dem isländischen Vulkan Eyjafjallajökull, dessen Ausbruch im Jahr 2010 den Flugverkehr in Europa wochenlang lahmlegte. Diese Terroristen­gruppe ist seit 2011 aktiv, ohne dass das die Sicherheitsbehörden sonderlich interessiert hätte.

Warum auch. Denn die Terroristen können sich, aufs Ganze gesehen, im Einklang fühlen mit der deutschen Politik und der Stimmungslage in der deutschen Bevölkerung. Der Kampf gegen eine sichere Stromversorgung gehört zur bundes­deutschen Regierungsdoktrin. Deshalb ist das Zerstören von Energieversorgungs­einrichtungen auch kein Privileg von Terroristen. Das kann auch die Regierung: Im August 2024 wurden in Bayern die Kühltürme des Kernkraftwerkes Grafenrheinfeld und im Oktober 2025 die des Kernkraftwerkes Gundremmingen in einer spekta­kulären Show gesprengt: 30 000 Zuschauer feierten begeistert in volksfestartiger Stimmung bei Bier und Bratwurst die Zerstörung ihrer eigenen Lebensgrundlagen. Parallel dazu kündigte der Kurzzeit-Klimaschutzminister den „Rückbau“  – zu Deutsch: die Zerstörung – von Gasleitungen bis 2045 an, um die Bevölkerung zum Umstieg auf stromabhängigen Wärmepumpen zu zwingen. In Augsburg will man dieses Ziel schon zehn Jahre früher erreichen.

Angesichts dieser Stimmungslage dürfen die Ökoterroristen auf den klamm­heimlichen Beifall der deutschen Bevölkerung rechnen ­– soweit diese nicht selbst vom Stromausfall betroffen ist. Darauf spekuliert das Selbstbezichtigungs­schreiben, das in den Medien als „Bekennerschreiben“ geadelt wird ­ –  „Bekenner“ klingt nun einmal sympathischer als „Leugner“. Das Wort hat etwas von Märtyrertum, Aufopferung und Wahrhaftigkeit. Dafür gibt es Sympathie, auch wenn es sich um ganz gewöhnliche Kriminelle handelt.

Das mit seinen gut 4100 Wörtern reichlich lange geratene Schreiben beherrscht routiniert den klimaapokalyptischen Jargon: „Ganze Regionen werden unter der Hitze unbewohnbar gemacht. Sie verbrennen einfach. Oder Lebensräume verschwinden unter den Fluten“. Das ist gut anschlussfähig in der deutschen Öffentlichkeit. Solche Sätze  kann man in jeder Nachrichtensendung, in jeder Fernsehdokumentation des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hören oder auch in jedem modernen Kinder‑ und Schulbuch lesen.

Auch die antikapitalistische Attitüde des „Bekenner“-Schreibens – „es sind die Reichen, die ein Problem sind. Es sind die Superreichen, die die Welt in Brand setzen“ –  kommt  gut an in einem Politikbetrieb, in dem der Kampf gegen „die Reichen“ per Enteignung inzwischen zum Allgemeingut nicht mehr nur einer linksaktivistischen Parteirhetorik, sondern auch des Regierungshandelns geworden ist.  Dass man mit der Zerstörung der Energieversorgung vor allem die Armen trifft, war ein unvorhersehbarer Kollateralschaden, für den sich die Vulkangruppe ausdrücklich bei den „weniger Wohlhabenden“ entschuldigt hat,  die das Pech hatten, im gleichen Viertel wie die Reichen zu wohnen.

Und auch die Bundesregierung hofiert das linksfaschistische Aktivistenmilieu. Bei der Frankfurter Buchmesse 2025 reichte der deutsche Kulturstaatsminister Preise an verschiedene Verlage aus. 50 00 Euro gingen an den „Unrast Verlag“, der neben anderen hochwertigen Produkten auch eine 80-seitige Broschüre „Tipps und Tricks für Antifas und Antiras“ für 8 Euro anbietet. Hier bekommen die Leser Hinweise, wie man den Staat bekämpft und wie man nach einer kriminellen Handlung Spuren verwischt.

 

Der Tennisspieler und der Katastrophenschutz

Berlin hat einige Tage gebraucht, bis der Schaden behoben war. Denn die Technik der Energieversorgung ist hochkomplex. Auch wenn in Politik und Medien die Vorstellung vorherrscht, man müsse nur einfach ein Windrad aufstellen und ans Stromnetz anschließen, um von der Natur kostenlos mit Energie versorgt zu werden, ist es doch etwas aufwendiger, eine moderne Industriegesellschaft zuverlässig mit Strom zu versorgen. Nach dem Terroranschlag gab es in Deutschland unter den einheimischen und auch unter den Millionen zugewanderten Fachkräften niemanden, der die zerstörte Kabelbrücke reparieren konnte. Nach fünf Tagen gelang das zwei österreichischen Spezialisten.

Auch die politischen Fachkräfte hatten so ihre Probleme.  Der Verlauf der Krise wirft, wie so oft in den letzten Jahren, die Frage nach der Qualität des politischen Führungspersonals auf. In Berlin sind 37 Behörden für den Katastrophenschutz zuständig, von denen fünf nicht einmal wussten, dass sie dazugehören. Auch der Berliner Regierende Bürgermeister wusste erst einmal von nichts, weil ihm keiner etwas gesagt hatte, dann hat er sich im Zimmer eingeschlossen, um zu telefonieren, und dann ging er mit seiner Lebensgefährtin – die zufällig Bildungssenatorin in Berlin ist ­–Tennisspielen, um den Kopf frei zu bekommen. Genützt hat auch das nichts.

Wer wählt so jemanden? Die Antwort ist einfach: Bei der letzten Landtagswahl wurden in Gesamtberlin die tätowierten Salonbolschewisten die stärkste Partei. Aber auch die Einwohner in den vom Terroranschlag betroffenen wohlhabenden Berliner Stadteilen Lichterfelde, Zehlendorf, Nikolassee, Schlachtensee und Wannsee haben mit ihrer Stimmabgabe für schwarze und grüne Parteien sich genau die Politik gewählt, die sie bekommen haben. Und sie werden es wieder tun.

 

Vom Sozialismus lernen, heißt frieren lernen

In der Bundesrepublik hat es einen Stromausfall dieser territorialen Ausdehnung und dieser Dauer noch nicht gegeben. In der DDR allerdings gab es im Winter 1978/79 ein noch größeres, sechs Wochen andauerndes  Winterchaos durch extreme Winterwetterlagen, das zu längeren Stromausfällen und Versorgungsengpässen führte. Zeitweise war der einzig funktionsfähige Stromlieferant das Kernkraftwerk in Lubmin bei Greifswald, das zuverlässig den Strom wenigstens dorthin liefern konnte, wo er am dringendsten gebraucht wurde: bei den Grenzsicherungsanlagen des antifaschistischen Schutzwalls. Der Kerntechniker Manfred Haferburg berichtet darüber in seiner romanhaften Autobiographie „Wohn-Haft“.

Strom ist eine leistungsfähige,  aber auch sehr empfindliche Energiequelle, die auf das reibungslose Funktionieren einer extrem komplexen Infrastruktur angewiesen ist. Wie anfällig sie ist, hat nicht erst der Terroranschlag von Berlin gezeigt. Die Täter sind 15 Jahre nach ihrem ersten Attentat immer noch nicht gefasst, aber die Politik hat Ende Januar ein neues Gesetz vorbereitet: das „Kritische Infrastruktur Dachgesetz“. Es wird die Betreiber von Netzen, Kraftwerken und anderen Versorgungseinrichtungen zur „Resilienz“ und zu einem besseren physischen Schutz der Anlagen verpflichten. Viel helfen wird das nicht. Kritische Netzinfrastruktur wird immer anfällig für Terrorakte sein; und das Risiko steigt, je wohlwollender die öffentliche Meinung und ihr folgend Politik und Medien den Gesinnungstätern entgegenkommt.

Aber es ist nicht nur das: Das Gesetz soll die Betreiber dazu zwingen, genau die Risiken abzufedern, die von der Politik herbeigeführt werden. Wer Energiepolitik als Glücksspiel betreibt, für Industrie, Wohn‑ und Bürogebäude, Mobilität als einzigen Energieträger nur noch Strom, und den ausschließlich aus erneuerbaren Energien, zulassen will, wer gleichzeitig aus Kernkraft und Kohle aussteigt und Gas quer über den Atlantik heranschaffen muss – wer eine solche Politik über Jahre hinweg betreibt, der fordert den Zusammenbruch der Energieversorgung mutwillig heraus

 

Der Winter als Feind

Außer den Terroristen und den Klimapolitikern gibt es das Wetter. Wenige Tage nach dem Terroranschlag drohte das Sturmtief „Elli“. Deutschland, so hieß es, werde im Chaos versinken. So kam es auch: Zehn Zentimeter Schnee seien gefallen, verkündete die Deutsche Bahn AG und war ratlos, was zu tun sei. Die Lösung war einfach: Nichts. Man stellte den Zugverkehr ein. In Berlin wurde tagelang auch der Straßenbahnverkehr eingestellt, Straßenbahnen blieben sogar auf freier Strecke inklusive Passagieren stehen, weil die Oberleitungen vereist sind. In Heidelberg gab es wieder andere Probleme: Der dortige Nahverkehr musste drastisch eingeschränkt werden, weil die im Vorjahr angeschafften  hochgelobten emissionsfreien 27 Wasserstoffbusse nicht wintertauglich sind.

Am Ende waren es die Dieselfahrzeuge der Stadtwerke, der Rettungsdienste, des Winterdienstes, der Handwerker und der Taxifahrer, die den Betrieb aufrecht erhielten. Vielleicht bekommt man bei den Mobilitätsforschern und ‑politikern langsam eine Ahnung davon, warum sich am Ende des 19. Jahrhunderts die Auto­mobilindustrie weltweit dazu entschieden hat, das Konzept „Verbrenner“ und nicht das Konzept „Elektro“ zu verfolgen. Das erste Elektroauto, den „Flocken“-Wagen aus Coburg, gab es schon 1888, also fast gleichzeitig wie das erste Benzin-Auto. Eine kurze Zeit konkurrierten beide Systeme, bis sich der Verbrennerantrieb sehr schnell weltweit und flächendeckend durchsetzte. Warum das so ist, sieht man jedes Mal im Winter.  Verbrennerfahrzeuge funktionieren auch bei Kälte leistungsstark und zuverlässig – und in Mitteleuropa kann es nun einmal kalt werden.

Aber auch zu Fuß gehen ist keine Lösung. Auf „Elli“ folgte das Tief „Gunda“: Glatteis. Bundesweit wurden  Schulen wegen winterlicher Witterungsverhältnisse geschlossen, der städtische Winterdienst war überfordert, auf den Straßen herrschte Chaos, der Personennahverkehr wurde vielerorts eingestellt. Die Berliner mussten also zu Fuß gehen, und auch das endete übel: die Krankenhäuser meldeten Überlastung wegen Glatteisunfällen. Ein Land, das sich gerade darauf vorbereitet, bis 2029  „kriegstüchtig“ zu werden, erweist sich als nicht einmal mehr wintertüchtig.

Eigentlich waren diese Januartage ein normaler, eher milder Winter, wie man ihn in Mitteleuropa seit Jahrhunderten kennt und den man über Generationen hinweg auch ohne Zugausfälle, Schulschließungen und Krankenhausüberlastung überstanden hat. Aber man  hat einer ganzen Generation von Kindern und Jugendlichen eingeredet, dass es keine Winter mehr geben werde, so lange, bis man selbst daran geglaubt und keine Ahnung mehr hat, was man tun muss, wenn es schneit.

 

„Mene mene tekel“

Im Buch Daniel des Alten Testaments kann man die Geschichte des babylonischen Kronprinzen Belšazar nachlesen.  Belšazar sieht eine unverständliche Schrift an der Wand, die ihm der Prophet Daniel auslegen kann: „Mene mene tekel“ – das heißt: „Du wurdest gewogen und für zu leicht befunden“. In der Nacht darauf wurde Belšazar ermordet und sein Reich ging unter. So kann man auch das Menetekel von Berlin lesen: Gewogen und zu leicht befunden. Man braucht keine Propheten, um die weitere Entwicklung vorauszusagen. Die Ereignisse in Berlin und anderswo sind nur die spektakulären, aber folgerichtigen Auswirkungen einer Politik, die seit Jahrzehnten konsequent an der Wirklichkeit vorbei agiert und deren Folgen leicht vorhersehbar sind.