Schulflüchtlinge

Im Februar 2026 wurde der „Deutsche Lehrkräftepreis“ – bis 2019 „Deutscher Lehrerpreis“ – für das Vorjahr verliehen. Geehrt wurden zehn Lehrkräfte, fünf Unterrichtsprojekte und drei Schulleitungen, die man unter den  740 000 deutschen Lehrern an allgemeinbildenden Schulen gefunden und als preiswürdig befunden hat. Diesen Preis gibt es seit 2001. Er ist so ziemlich die letzte Gelegenheit im Jahresverlauf, bei der man der Öffentlichkeit etwas Gutes über die Lehrer zu Gehör bringen kann. Ansonsten herrscht Schweigen.

Das war nicht immer so. Viel Gutes wurde ohnehin kaum einmal über die Lehrer gesagt. Aber dass überhaupt nichts mehr geredet wird über diesen Berufsstand, sollte eher beunruhigen als erfreuen. Fast möchte man sich die Zeit zurückwünschen, in denen ein veritabler Bundeskanzler die Lehrer als „faule Säcke“ beschimpfte und damit eine Welle der Zustimmung in der deutschen Öffentlichkeit hervorrufen konnte. Einen schlechten Ruf zu haben gehört nun einmal seit Menschengedenken zum Berufsbild des deutschen Lehrerstandes.

Die Krise des Lehrerberufs kann man an Zahlen ablesen. Bereits Anfang 2025 kursierte der Befund, dass rund 40 Prozent der Lehramtsstudenten das Studium abbrechen und weitere fünf Prozent in der zweiten Phase der Ausbildung, während des Referendariats, aufgeben – alles in allem also eine gigantische Fehlinvestition, die allerdings in vielen anderen Studienfächern auch nicht besser aussieht. Noch interessanter ist die Quote derer, die aus dem Beruf aussteigen. Diese Zahlen  sind schwer zu berechnen und noch schwerer zu interpretieren. Eine Auswertung  des „Forschungsinstituts für Bildung- und Sozialökonomie“ hat aktuell die Schwundquoten aufgrund der vorliegenden Statistiken ermittelt. Danach scheiden bundesweit rund zehn Prozent der Lehrer jährlich aus dem Dienst an allgemeinbildenden Schulen dauerhaft aus, ohne also wieder an gleicher oder anderer Stelle einzusteigen. Dabei gibt es eine deutliche Diskrepanz zwischen altersbedingtem, also regulärem Ausscheiden und dem vorzeitigen Ausscheiden „aus sonstigen Gründen“. In absoluten Zahlen: Von 38 000 ausscheidenden Lehrern verlassen rund 10 000 den Beruf nicht auf regulärem Wege. Auf einen altersbedingt ausscheidenden Lehrer kommen also drei, die aus einem anderen Grund aufhören.

Diese pauschalen Zahlen ergeben bei näherer Betrachtung sowohl im Zeitverlauf wie im Ländervergleich ein extrem heterogenes Bild: Prozentual die häufigsten irregulären Aussteiger gibt es in den ostdeutschen Bundesländern. In einzelnen Schuljahren gibt es zudem manchmal unerklärlich hohe Spitzen, die in den Bundesländern auch noch unterschiedlich verteilt sind – kurz: das statistisch erfassbare Geschehen ist rätselhaft.  Unstrittig ist jedoch, dass aufs Ganze gesehen die Zahl der irregulären Aussteiger seit einem Jahrzehnt kontinuierlich zunimmt. Verschärft wird das Problem dadurch, dass dem Lehrerschwund steigende Schülerzahlen gegenüber stehen. Im  aktuellen Schuljahr 2025/2026 ist im vierten Jahr in Folge die Zahl der Schüler in Deutschland gestiegen. An den allgemeinbildenden Schulen wuchs sie um knapp ein Prozent gegenüber dem Vorjahr auf rund 9 Millionen; an den beruflichen Schulen waren es 2,3 Millionen Schüler.

 

Schulangst

Der Befund ist klar: Der Lehrerberuf hat seine Attraktivität verloren. Über die Gründe muss man nicht lange rätseln, auch wenn sie in den Statistiken nicht genannt werden. Die Schulangst, die früher einmal ein großes Thema der Pädagogik war, hat die Seiten gewechselt: Sie ist von Schülern auf die Lehrer übergegangen,

Eine im März 2026 veröffentlichte Studie zur „Attraktivität des Lehrerberufs“  in Mecklenburg-Vorpommern vom November 2025 kam zu dem Ergebnis, dass weniger als die Hälfte der Befragten den Lehrerberuf noch einmal wählen würden, rund 20 Prozent schlossen das definitiv aus. Von hoher Berufszufriedenheit zeugt das nicht, und die Gründe wurden auch genannt: Mehrarbeit, Zeitdruck, „digitaler Stress“, Konflikte mit Eltern und Schülern sowie eine schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Auch die  Forderung nach „mehr Geld“ steht im Raum; sie wird hübsch als Teil einer umfassenden „Gratifikationskrise“ umschrieben. Die Studienautoren haben auch eine klare Empfehlung zur Verbesserung: „Man müsse ein Bündel struktureller Maßnahmen“ ergreifen“. Das wird sicher helfen. Bis dahin behilft man sich mit einer zunehmenden Zahl von eilig ausgebildeten „Seiteneinsteigern“,  um die Lücken zu schließen, welche die Schulflüchtlinge hinterlassen. Ansonsten wird gerne darüber diskutiert, ob denn das Beamtentum für Lehrer noch „zeitgemäß“ sei. In der politischen Diskussion wird diese Frage durchgehend verneint, in der Praxis wird sie durchgehend bejaht.  In Berlin, Thüringen und Sachsen hatte man die Verbeamtung der Lehrer abgeschafft und in den letzten Jahren wieder eingeführt – aus einem einfachen Grund: Der Beamtenstatus ist die letzte Attraktion, die der Lehrerberuf noch zu bieten hat.

Eine wichtige Referenzfigur in dieser neuen Schulangst-Diskussion ist „Frau Espunkt“.  Jana S. ist ­ eine oberbayerische Grundschullehrerein, die sich auf Instagram und in anderen sozialen Medien mit Unterrichtsempfehlungen einen Namen gemacht hat.  Im November 2025 ist sie auf eigenen Wunsch  aus dem Schuldienst ausgeschieden und hat die Gründe öffentlich erläutert.

An erster Stelle nennt sie die Übertragung elementarer Erziehungsaufgaben von der Familie auf die Schule.  Im Unterrichtsalltag extrem belastend sei der hohe Lärmpegel, gewalttätige Streitereien, Vandalismus besonders im Bereich der Toiletten, der alle zivilisatorischen Grenzen überschreite, fehlende Unterrichts‑ und Arbeitsmaterialien, Müdigkeit und Alltagsängste, die durch unkontrollierten Medienkonsum entstünden und allgemeine Überforderung mit einem Unterrichtsstoff, den man vor einigen Jahren noch problemlos habe vermitteln können. Unter diesen Umständen könne die Arbeit im Klassenzimmer auch begeisterten Lehrerinnen – zu denen sie sich glaubwürdig zählt – keine besondere Freude mehr vermitteln. In der Summe lassen sich diese Mängelanzeigen unter den Oberbegriffen der mangelnden Disziplin und fehlender Erziehung zusammenfassen.

Zu den Routineklagen gehört schließlich die Beschwerde über die „mangelnde Wertschätzung“, die dem Lehrerberuf entgegenbracht werde. Die Klage ist sicher berechtigt. Sie richtet sich in erster Linie an die Öffentlichkeit und an die vorgesetzten Dienststellen. Mangelnde Wertschätzung erfahren Lehrer auch in ihrem engsten Arbeitsumfeld, im Klassenzimmer, und in der schulischen Praxis treten die Eltern als ein erheblicher Störfaktor auf. Und schließlich wird zu Recht über die Schulbürokratie geklagt, Sie bringe immer neue organisatorische und unterrichtsfremde Belastungen und Anforderungen hervor, welche die Lehrer noch zusätzlich, „on top“, abzuarbeiten hätten.

Diese Defizitanzeigen ergeben kein klares Bild. Sie zeugen vielmehr von einem diffusen Unbehagen, das nicht genau zu benennen ist. Man hat sich darauf geeinigt, dass das „Schulsystem“ daran schuld sei und dass man dieses System irgendwie ändern müsse, damit alles gut werde, man brauche neue, „innovative“,  Unterrichtsformen – gemeint sind die, vor über hundert Jahren von der Reformpädagogik propagiert wurden –,­ und auch die Lehrerausbildung müsse anders, „praxisnäher“, werden. Die meisten dieser Forderungen wurden in den letzten Jahrzehnten erfüllt, und nichts ist besser geworden. Neu hinzugekommen ist nur die Forderung nach einer „Digitalisierung“ des Unterrichts, die von kommerziell interessierten Kreisen medienwirksam lanciert wurde,  ohne dass jemand erklären könnte, welchen Bildungszielen eine solche Digitalisierung dienen würde.

 

Ohnmacht im Klassenzimmer

Jahrzehntelang spielte die Bildungspolitik bei Landtagswahlkämpfen eine wichtige, phasenweise eine zentrale Rolle. In den letzten Jahren ist es den Parteien jedoch gelungen, das Thema aus dem Wahlkampf herauszuhalten. Aus guten Grund. Denn jetzt wäre es nicht mehr um Alibi- oder Wohlfühlthemen wie „Gemeinschafts­schule“, „längere gemeinsame Schulzeit“, „acht oder neun Jahre Gymnasium“, „Schreiben nach Gehör“ oder „Tablets für alle“ gegangen. Jetzt müsste es um die Substanz gehen, um die Frage nach der elementaren Funktionsfähigkeit des deutschen Schulwesens. Diese Frage wurde geschickt von der Politik ferngehalten und an die Bildungsforschung delegiert, die mal diese und jene Studie veröffentlicht und stirnrunzelnd feststellt, dass da und dort etwas im Argen liege könne. Noch bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg, dessen Schulwesen im letzten Jahrzehnt einen dramatischen Absturz erfahren hat, haben sich die Parteien am Bildungsthema vorbeigemogelt.

Bei der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz deutete sich hingegen eine Wende an. Die Schulprobleme drängten sich so deutlich in den öffentlichen Raum, dass sie auch von Wahlkämpfern nicht mehr ignoriert werden konnten. Während der damals noch regierende und dann abgewählte Ministerpräsident auftragsgemäß versicherte, dass es „in den allermeisten Schulen wunderbar läuft“, verwies die politische Konkurrenz nicht nur auf routinemäßig skandalisierbare Dauerthemen wie Unterrichtsausfall,  Lehrermangel oder schlechte Ergebnisse bei Schulleistungstests. Sie konnte auch Aus eine neue Qualität der Problemwahrnehmung verweisen. Ausgangspunkt war der „Brandbrief“, mit dem Lehrer der „Karolina-Burger-Realschule plus“ auf unhaltbare Zustände hinweisen. Von Gewalt an der Schule war die Rede, von der Unmöglichkeit, einen irgendwie gearteten Unterricht durchführen, von Schülern, die die einfachsten Grundrechenarten nicht beherrschen, von Lehrern, die nichts anderes mehr im Sinn hätten, als den Schultag irgendwie hinter sich bringen. Die Ludwigshafener Lehrer blieben nicht allein. Auch von anderen Schulen in Rheinland-­Pfalz kamen ähnliche Nachrichten, nachdem die Mauer des Schweigens einmal durchbrochen war.

Es wurden einige Zahlen publik, die in der „empirischen Bildungsforschung“ nicht auftauchen: Zwischen 2021 und 2025 gab es insgesamt 153 formelle „Überlastungsanzeigen“ an die Schulaufsicht, und im Kreis Kusel, also in einer ländlich strukturierten Region, weitab von Ballungsräumen, gab es zwischen 2021 und 2025 insgesamt 178 Polizeieinsätze im Schulkontext, die das ganze Spektrum der Gewaltkriminalität umfassten. Die Schule ist das Spiegelbild einer zerfallenden Gesellschaft – Berlin ist überall.

Ein kleiner Nebenbefund der Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz war die Auswertung des Wahlverhaltens. In der Altersgruppe der unter 25-Jährigen war die AfD die meistgewählte Partei, doppelt so stark wie die Grünen. Darüber kann man dann mal nachdenken. Und nachdenken sollte man auch über den ganz aktuellen Befund der neunten Trendstudie „Jugend in Deutschland 2026“. Danach halten es rund 40 Prozent der 14- bis 29-Jährigen es grundsätzlich für denkbar, Deutschland für immer zu verlassen; 20 Prozent haben angeblich schon konkrete Pläne. Offensichtlich haben die jungen Menschen, welche die Schule gerade hinter sich haben, keine allzu große Erwartungen mehr an eine Zukunft in diesem Land. Man kann sie verstehen.

Hier äußert sich eine Generation, die entscheidende Kinder‑ und Jugendjahre im Corona-Modus verbringen musste, der man die Klimapanik, die globalen Krisen, den Krieg in Europa und die Konflikte im Nahen Osten bis in die Klassenzimmer hinterher getragen hat und die ihre Schulzeit in einer kulturell atomisierten Schulgemeinschaft verbringen muss, die man sich in der Bildungswissenschaft als „Heterogenität“ schönredet. So kann Schule nicht funktionieren. Schule lebt von Voraussetzungen, die sie selbst nicht garantieren kann. Sie braucht stabile soziale und kulturelle Rahmenbedingungen, und die erodieren immer stärker, je mehr bewährte Kulturmuster aufgegeben oder sie gar oder durch importierte Sitten und Gebräuche abgelöst werden.

 

Die Kapitulation

Solche Zustände steigern die Attraktivität des Lehrerberufs nicht. Es sieht vielmehr so aus, als habe dieser Beruf keine wirkliche Zukunft mehr. Denn die Zukunft gehört den „multiprofessionellen Teams“.  Die „multiprofessionellen Teams“ sind keine Lehrer. Es sind Erzieher für die Betreuung an den Ganztagsschulen, Schulsozialberater, die die Schüler und auch die Lehrer und die Eltern bei schulischen, familiären oder privaten Problemen beraten sollen, Schulassistenten zur Unterstützung der Lehrkräfte bei der Vorbereitung und Durchführung des Unterrichts, Schul­verwaltungsassistenten, die das tun, was ihr Name sagt, weiterhin Lehrer für Deutsch als Zweitsprache für den Sprachförderunterricht, Lehrkräfte der Sonderpädagogik für die Inklusion behinderter Schüler, Schul­beglei­ter für  Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf, Schulgesundheitsfachkräfte zur Versorgung chronisch erkrankter Kinder;  Therapeuten für Logopädie, Ergotherapie und Physiotherapie und schließlich, das ist die Königsdisziplin,  Schulpsychologen für Kinder mit auffälligem Verhalten. Diese Liste zeigt, was gemeint ist,  wenn von der Schule als einem Reparaturbetrieb der Gesellschaft die Rede ist.

Einleuchtend ist die Überlegung, dass man für jedes Problem im Klassenzimmer einen Spezialisten braucht. Und viele Probleme erfordern nun einmal viele Spezialisten. Praktisch spricht dagegen, dass man diese Spezialisten nicht hat und dass man sie auch nicht bezahlen könnte, wenn man ihrer genügend hätte.

Ob  das wirklich das ist, was Schüler brauchen und was sie wollen, ist eine andere Frage. Denn nach allem, was man hört, wollen Schüler weder innovativen Unterricht noch wollen sie von „multiprofessionellen Teams“ kuratorisch versorgt werden.  Die mit dem „Deutschen Lehrkräftepreis“ ausgezeichneten Lehrer werden von ihren Schülern vorgeschlagen. Die Schülererwartungen, welche von diesen preisgekrönten Lehrern erfüllt wurden, sind immer die gleichen: „Empathie“ und „Engagement“, Hilfsbereitschaft, Zuwendung, der Blick auf den einzelnen Schüler und durchaus auch die Erwartung, dass Unterricht stattfindet und sie von den Lehrern etwas lernen. Aber die allgemeine Entwicklung des Schulwesens weist in eine andere Richtung. Die Schüler werden nicht mehr bekommen, was sie sich wünschen; denn die Lehrer, die es ihnen geben könnten, sind nicht mehr da ­ – außer in gelegentlichen Einzel- und Glücksfällen, die dann mit einem Lehrkräftepreis ausgezeichnet werden.

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Am 15. März 2026 wurde im „Kontrafunk“-Internetradio in der Reihe „Audimax – das Kontrafunkkolleg“ der Hörfunkvortrag

Der „demographische Wandel“ – ein politischer Kampfbegriff

von Peter J. Brenner gesendet.

Die Sendung ist im Podcast hier gebührenfrei verfügbar.

Der „demographische Wandel“ ist eine Parole von großer politischer Durchschlagkraft; zuletzt diente sie der Rechtfertigung der Migrationspolitik. Der Begriff bezeichnet Änderungen in der Bevölkerungsstruktur mit ihren Folgen für die sozialen, ökonomischen, politischen und auch kulturellen Lebensformen einer Gesellschaft. Seit dem 17. Jahrhundert versucht man, diese Prozesse statistisch zu erfassen und zu beeinflussen. Immer geht es dabei um Ausübung von Macht, und oft genug haben sich Bevölkerungsstatistiker in den Dienst dieser Macht gestellt.