Fürsorgliche Belagerung

„Was sind das für Zeiten, in denen ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist.“ Das ist eine Zeile aus Bertolt Brechts Gedicht „An die Nachgeborenen“. Brecht schrieb dieses Gedicht 1938 im dänischen Exil. Das waren schlimme Zeiten, und Brecht konnte allenfalls ahnen, dass sie noch schlimmer werden würden. Die Botschaft dieser Gedichtzeile ist klar: In diesen bösen Zeiten muss alle Kraft dem politischen Kampf gewidmet werden; jedes Gespräch über Bäume, über die Natur, den Alltag schließt ein Schweigen ein über das, was wichtig ist ­ und wichtig sind die Verbrechen der Mächtigen.

Daran mag man sich erinnert fühlen, wenn die Medien übervoll sind mit Berichten über den Buckelwal, der sich in der Ostsee verirrt hat und in der Wismarbucht vor der Insel Poel gestrandet ist. Sollte es noch kritische Zuschauer vor den Bildschirmen der „Tageschau“ und der „heute“-Nachrichten geben, so werden sie sich gefragt haben, worüber beim Reden über den Buckelwal geschwiegen wird. Denn angesichts der zeitgleich stattfindenden Krisen muss man diese Medieninszenierung zunächst einmal als ein großes Ablenkungsmanöver deuten, das den Blick auf die realen Probleme der Welt  verstellen soll. So ist es sicher auch gedacht, und so funktioniert es auch. Nachdem die anfangs parallel laufende Inszenierung einer ziemlich löchrigen digitalen Vergewaltigungskampagne nicht so recht Fuß fassen wollte und ihren politischen Zweck verfehlte, blieb umso mehr Aufmerksamkeitsraum für den armen Wal.

Die mediale Inszenierung dieses Naturereignisses folgt einer eigenen Logik.  In der Geschichte vom Buckelwal verwickeln sich die unterschiedlichsten Interessen. In erster Linie ist sie eine mediale Inszenierung, in die politische Interessen mit hinein spielen.  Eine leerlaufende Protestroutinenpolitik kommt in Schwung, die inzwischen für jeden beliebigen Anlass mobilisierbar ist, der mediale Aufmerksamkeit verspricht. Der Umweltminister Mecklenburg-Vorpommerns sieht sich mit Demonstrationen und Hassnachrichten konfrontiert, in der Schweriner Bucht formiert sich eine nicht allzu lange Menschenkette, und schließlich schaltet sich auch der Bundespräsident mit seiner Expertise ein und versprach, sich mit Experten auszutauschen.

Das Expertenwesen zeigt sich allerdings von seiner schillerndsten Seite. Eine Woche lang waren sich die Experten unsicher, ob es sich um einen Buckelwal oder einen Finnwal handelte. Seitdem kommen Experten, zerstreiten sich und gehen wieder. Eine auf Wale spezialisierte Tierärztin wird aus Hawaii eingeflogen, weil die beteiligten deutschen Veterinärmediziner irgendwann gemerkt haben, dass zwischen einer Hauskatze und einem Meeressäugetier doch ein erkennbarer Unterschied besteht. Menschen melden sich zu Wort, die keine Ahnung haben und doch Gehör verlangen und bekommen, Privatunternehmen zeigen sich von ihrer fürsorglichen Seite und finanzieren Rettungsmaßnahmen, und auch für Esoteriker ist noch Platz, die hunderte Kilometer vom Handlungsort entfernt indianische Heilgesänge anstimmen – kurz: das Wal-Szenario ist ein Mikrokosmos deutscher Befindlichkeiten. Daneben gibt auch nüchterne Stimmen, die in der gewaltigen Rettungsaktion nichts anderes sehen als „Tierquälerei und Geldverschwendung“. Richtig Ahnung scheint niemand zu haben; das macht die Wal-Geschichte kompatibel mit dem politischen Betrieb.

Die Politik lässt sich die Chance nicht entgehen. Die niedergehende Klimaszene sieht eine Chance, ihren massiven Bedeutungsverlust zu kompensieren, indem sie sich  als Trittbrettfahrer des Naturschutzes in Stellung bringt. Während eine besinnungslose Klima- und Energiepolitik unter ideologischer Federführung der Partei „Bündnis 90/Die Grünen“ die Habitate der Schweinswale in der Nordsee, Heringslaichgebiete im Greifswalder Bodden vor der Insel Rügen und den hessischen Reinhardwald für die Profite der Windkraftindustrie verwüstet, werden Tränen vergossen über das Schicksal eines Buckelwals: „Timmys Geschichte berührt uns alle. Sein Leidensweg ist ein Auftrag“ versichert die Bundestagsfraktion dieser Partei. Und wo immer es eine Gelegenheit gibt, sich in der öffentlichen Rede zu blamieren, ist auch Luise Neubauer nicht weit.

Schließlich wird der Buckelwal ungefragt in den Kampf gegen rechts mit einbezogen. Die Rettungsmanöver würden, so versichert der für die Region federführend berichtende Norddeutsche Rundfunk, zur Stimmungsmache gegen die Regierung genutzt, um Misstrauen zu säen und die Gesellschaft zu spalten. Denn vereinzelt seien an der Rettung auch „Personen aus der rechten Szene“ beteiligt. Also alles so wie immer.

 

Der Mensch und das Tier

Dass es so weit kommen konnte, ist in erster Linie ein Verdienst der Medien. Das kann man ihnen nicht vorwerfen. Medien gehorchen in erster Linie ihren eigenen Gesetzen und befriedigen ihre eigenen Bedürfnisse. Der Repräsentant eines regierungskonformen Nachrichtenportals, das sich für das „reichweitenstärkste Deutschlands“ hält, hat es ganz offenherzig ausgesprochen: „Timmy ist bei uns keine kurze Geschichte, auch keine lange. Timmy ist bei uns Programm“. Das Programm läuft seit dem 3. März  2026 in Dauerschleife.

Wenn die politischen Krisen langweilig werden, weil  sie zum Dauerzustand geworden sind, muss die Aufmerksamkeit des Publikums eben auf andere Weise aufrechterhalten werden – den Gesetzen der Aufmerksamkeits­ökonomie kann sich kein Medium entziehen, das sich auf dem Markt behaupten muss.  Man kann die Bereitschaft des Publikums, sich auf diese Inszenierung einzulassen, als Ausdruck einer großen Abstumpfung deuten, oder schlicht als Bedürfnis nach Abwechslung. Warum auch nicht. Es gehört zu den Rechten in einer zivilisierten Wohlstands­gesellschaft, sich nicht nur an Belanglosigkeiten zu erfreuen, sondern sie auch ernst zu nehmen, als ob sie wichtig wären. Und vielleicht sind sie ja auch wichtig als ein  Akt kollektiver Sinnsuche im Nirwana der Sinnlosigkeit

Aber es steckt mehr dahinter. Dass sich breite Teile der Öffentlichkeit über das natürliche Schicksal eines Wals mehr Gedanken machen als über ihre über ihre wahrlich nicht geringen Alltagsprobleme, lässt doch ein tieferes Bedürfnis erkennen, an das die mediale Inszenierung andocken kann. Während man in Ausland etwas befremdet auf das Treiben der Deutschen schaut, finden die Deutschen selbst es keineswegs sonderbar, sich in dieser Weise das Schicksal eines Meeressäugers kollektiv  zu Herzen zu nehmen.

Dass ausgerechnet der Buckelwal zum Objekt massenmedialer Teilnahme wurde, ist zunächst einmal ein Zufall. Alfred Brehm, der Urvater der deutschen Tierseelenversteher, hat ihm keine besonders freundliche Beschreibung gewidmet.  Der Buckelwal, Megaptera novaeangliae, zählt, so schreibt er, „zu den plumpesten Gliedern seiner Familie. Verglichen mit anderen Röhrenwalen, ist er entschieden häßlich, sein Leib kurz und dick“, heißt es in „Brehms Thierleben“ von 1883. Alfred Brehms Urteil hat Gewicht. Er  hat den Deutschen einen eigenartigen und vielleicht einzigartigen Zugang zum Tierreich ermöglicht. Als erster schilderte er im großen Maßstab das „Leben“ der Tiere und nicht nur ihre Morphologie und ihr Vorkommen. Brehms Beschreibungen zielten auf die „Thierseele“. Das hat man ihm zum Vorwurf gemacht; das sei ein „anthropomorpher“ Denkansatz, der menschliche Eigenschaften auf die Tiere projiziere. So ist es wohl, aber es war auch ein erfolgreicher Ansatz, dem es vielleicht erstmals gelungen war, die Tiere den Menschen näherzubringen. Die Folgen sind bekannt. Sie heißen „Biene Maja“ und „Bambi“. Das sind die stilbildenden Figuren aus den Romanen Waldemar Bonsels und Felix Saltens, welche die Vorstellung des Verhältnisses von Mensch und Tier maßgeblich geprägt haben.

Das ist die eine, die freundliche Seite des menschlichen Verhältnisses zum Tier. Die andere sieht anders aus. Jede Gesellschaft entwickelt ihr eigenes Verhältnis zu Natur,  aber in einem sind sie alle gleich: Ohne die Ausbeutung der Natur geht es nicht. Der Rest ist Folklore, und diese Folklore können Gesellschaften sehr unterschiedlich ausgestalten. Die Natur im Allgemeinen und die Tiere im Besonderen werden auch im Deutschland des 21. Jahrhunderts in erster Linie unter dem Aspekt ihrer Nützlichkeit und Verwertbarkeit wahrgenommen. Das war bei den Walen nicht anders. Wale gehörten zu einer Nahrungskette, an deren Ende der Mensch steht. Als Jagdbeute sind sie seit dem 17. Jahrhundert attraktiv; vor allem der Wal-Tran wird für die verschiedensten Zwecke, vom Leuchtstoff bis zur Schuhcreme, genutzt. Das Fleisch wurde im 19. Jahrhundert in Europa als Lebensmittel gehandelt, auch wenn es keine sehr große Rolle spielte. Die im industriellen Maßstab betriebene ökonomische Verwertung hätte fast zur Ausrottung der Wale geführt. Deshalb wurde 1946 das „Internationale Übereinkommen zur Regelung des Walfangs (ICRW)“ geschlossen, das freilich eher dem Schutz ökonomischer Interessen als dem Tierschutz diente. Man schätzt, dass es heute noch 20 000 Buckelwale gibt, während es im 19. Jahrhundert, vor  der kommerziellen Bejagung, nach großzügigen Berechnungen 1,5 Millionen Tiere gegeben haben könnte.

Die industrielle Nutzung wäre auch das Schicksal des deutschen Buckelwals gewesen, wenn er in der Wismarer Bucht verendet wäre. Seine geschätzten 1,5 Tonnen Fett wären klimafreundlich zu rund  einer Tonne Biodiesel verarbeitet worden. Die einschlägige Fachfirma stand schon bereit und musste dafür wütende Hassmails entgegen ­nehmen ­– ohne das geht es in Deutschland eben nicht.

 

„Moby-Dick“

Aber der Wal ist mehr als ein Nutztier. Im Blick auf den Wal verdichtet sich das Verhältnis des Menschen zur Natur, das geprägt ist von  Machtgelüsten auf der einen  und Ohnmachtsgefühlen auf der anderen Seite. In einem der bedeutendsten Romane der Weltliteratur,  der allerdings zur Kinderliteratur‑ und Hollywood-Tauglichkeit verkitscht wurde, wird dieses ambivalente Verhältnis in seiner ganzen Vielschichtigkeit aufgearbeitet.  Der US-Amerikaner Herman Melville veröffentlichte seinen Roman „Moby-Dick; or the Whale“ im Jahre 1851. „Moby-Dick“ ist im unverfälschten Original ein Werk höchsten literarischen Anspruchs. Es führt die archaischen Mythen zusammen, welche die abendländische Kultur seit der alttestamentarischen Erzählung von Jonas und dem Wal hervorgebracht hat, und zugleich ist er dicht an der gegenwärtigen Wirklichkeit. Denn er enthält auch eine nüchterne Beschreibung der Walfangindustrie, wie sie sich um die Mitte des 19. Jahrhunderts zu entwickeln begann. Melville gibt Auskunft über die ökonomischen,  technischen und gesellschaftlichen Aspekte des Walfangs, über die Jagd- und Verarbeitungstechniken und er enthält ein rundes Dutzend „cetologischer“, also walkundlicher Kapitel zur Anatomie und Lebensweise der Wale. Hier hätten sich also die ratlosen deutschen Experten kundig machen können, wenn sie den Roman vorher gelesen hätten.

Dann hätten sie noch mehr erfahren. In Melvilles „Moby-Dick“ tritt die Natur dem Menschen in allen Erscheinungsformen gegenüber: als dämonisch und vernichtend, als feierlich und als unheimlich, als schön und erschreckend. Kapitän Ahab sieht in Moby-Dick die Inkarnation des Urfeindes, nicht ohne Grund, denn durch den Wal hat er einst ein Bein verloren, das  sinnigerweise durch einen Walknochen ersetzt wurde. Ahab verstrickt sich in einen aussichtslosen Kampf gegen die Natur, in dem er den  Wal zum mythischen Urfeind stilisiert. In diesem archaischen Kampf gewinnt die Natur; der Wal zieht seinen menschlichen Widersacher in den Abgrund.

Zwei Jahre später entwirft der gleiche Autor das direkte Gegenbild zu diesem obsessiven Kampf Ahabs. 1853 veröffentlichte Melville seine Erzählung über den Schreiber Bartleby. Bartleby, der Kopist eines Rechtsanwalts, der ihn gnadenhalber eingestellt hat, verweigert nach und nach jede Arbeit: “I would prefer not to”, „Ich möchte lieber nicht“, heißt seine stereotype Antwort auf jedes Ansinnen, irgendetwas zu tun.

 

Das Recht der Natur

Melvilles „Moby-Dick“ vermittelt eine unbehagliche Lehre, die man beim Drama um den deutschen Buckelwal nicht außer acht lassen sollte. Der Roman beleuchtet die dunklen Seiten der Natur. Die Natur steht dem Menschen mit kalter Gleichgültigkeit und oft auch mit Feindseligkeit  gegenüber. So sehr er sich um ihre Gunst bemüht; sie begegnet ihm abweisend und fremd. Deshalb hat sich die Menschheit seit ihren überlieferten kulturellen Anfängen immer wieder Formen des Zusammenlebens gewünscht, in denen Mensch und Natur versöhnt erscheinen.

Unter dieser Perspektive fällt es schwer, dem Verenden eines riesigen Meeressäugers einfach nur tatenlos zuzusehen. Aber Tiere sterben nun einmal, und wenn sie das Glück haben, in einem natürlichen Prozess zu Tode kommen und nicht dem Kükenschreddern, der Massentierhaltung oder den Rotoren einer Windkraftanlage  zum Opfer zu fallen, dann besteht eigentlich kein Grund für menschliches Eingreifen. Aber das ist schwer zu ertragen. Deshalb werden in  akademischen Nischenmilieus seit langem schon Theorien vorbereitet, die auch die Tierwelt dem Diktat der menschlichen – genauer: einer westlichen – Ethik unterwerfen wollen. Tiere werden ungefragt als  Träger moralischer Rechte ausgewiesen, die sie in gleicher Weise geltend machen könnten wie  Menschen auch. Wenn man damit einmal angefangen hat, spricht nichts dagegen, alle Lebewesen, Insekten, Regenwürmer, Viren und Bakterien in moralische Überlegungen einzubeziehen. Zu den etwa 15 verschiedenen Formen des „Rassismus“, die in Deutschland inzwischen meldepflichtig sind, gesellt sich eine neue: der „Antispeziesmus“. Die Avantgarde der modernen Ethiker  lehnt konsequent jede moralische Diskriminierung von Lebewesen nur aufgrund ihrer Artzugehörigkeit ab – schließlich gibt es keine überzeugenden Argumente dafür, Menschen moralisch besser zu stellen als Regenwürmer. Am Ende haben  alle Lebewesen, von der Kugelbakterie bis zum US-Präsidenten, die gleichen Rechte.

Damit wird die Unterwerfung der Natur zu einem konsequenten Ende geführt.  Nachdem man die Natur restlos unterworfen hat, attestiert man ihr Pflegebedürftigkeit und unterwirft sie einer umfassenden kuratorischen Sorge, mit der man glaubt, Naturgesetze außer Kraft setzen und der Natur die eigenen Gesetze aufzwingen zu können. Die Vorstellung, der Mensch könne die Natur schützen, vom kleinsten Insekt bis zum größten Meeressäuger, ist eine babylonische Anmaßung. In der Rettung des Buckelwals, sie mag nun gut ausgehen der nicht, verdichten sich die Machtphantasien einer überzivilisierten Gesellschaft.  Aber auch dieser Anmaßung gegenüber bleibt die Natur gleichgültig. Ob der Buckelwal überlebt oder verendet, liegt nicht in menschlicher Hand.

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Am 19. April 2026 wurde im „Kontrafunk“-Internetradio in der Reihe „Audimax – das Kontrafunkkolleg“ der Hörfunkvortrag

Kunst und Politik
Heinrich Heine und die Literatur des Vormärz

von Peter J. Brenner gesendet.

Die Sendung ist im Podcast hier gebührenfrei verfügbar.

In den rund drei Vormärz-Jahrzehnten vor 1848 wurde das Verhältnis von Kunst und Politik neu justiert. Dem selbstbewussten Auftreten der politischen Schriftsteller und der Entstehung des literarischen Marktes stehen obrigkeitsstaatliche Zensur und ein ausgedehntes Spitzelwesen gegenüber. Viele der kulturpolitischen Konstellationen der Gegenwart sind hier vorgeprägt. Die Widersprüche der Epoche brechen sich in der Person Heinrich Heines. Bei den Zeitgenossen war er umstritten, er hat programmatische Kontroversen ausgelöst, aber sein Werk hat die Zeiten überdauert