Schulanfang

Die großen Ferien sind zu Ende, ein neues Schuljahr beginnt. Ein rundes Viertel der deutschen Bevölkerung, Schüler, Eltern, Lehrer, ist davon unmittelbar betroffen. Niemand von ihnen hat Grund, dem neuen Schuljahr optimistisch entgegenzusehen. Die üblichen Klagen der Lehrerverbände und die Sorgen der Schulbehörden sind diesmal wirklich berechtigt. Die Verbände sagen einen Fehlbestand von 30 000 bis 40 000 Lehrern für das kommende Schuljahr voraus. Das sind Schätzungen, denn niemand weiß, wieviel Schüler in den nächsten Monaten die Schule besuchen werden, sodass jede auch nur kurzfristige Planungssicherheit für die Behörden fehlt. Die alten Milchmädchenrechnungen, dass man aus den Geburtenzahlen den Lehrerbedarf der folgenden zwei Jahrzehnte errechnen könne, haben ohnehin nie gestimmt, und unter den aktuellen Migrationsbedingungen sind sie vollends Makulatur geworden.

Dass seit 2015 etwa 130 000 Flüchtlingskinder in deutschen Schulen unterrichtet werden, wird kaum noch wahr‑, sondern einfach nur noch als Selbst­verständlichkeit hingenommen. Zum Ende des vergangenen Schuljahres haben Schulen in Deutschland mehr als 150 000 Kinder und Jugendliche aus der Ukraine aufgenommen; wie viele noch kommen werden, weiß niemand, die geschätzte Zahl von 400 000 erscheint nicht unrealistisch. Über die rund 30 Prozent Schüler mit Migrationshintergrund, die es schon vor den jüngeren Entwicklungen gegeben hat und die sehr oft auch einen besonderen Förderbedarf haben, redet man schon gar nicht mehr. Die ohnehin schon in weiten Bereichen nicht mehr lösbaren schulischen Probleme einer Migrationsgesellschaft sind nicht neu und sie werden durch die jüngsten Migrationsbewegungen noch einmal potenziert.

Dass unter diesen Umständen die kurz diskutierte Frage, ob Goethes „Faust“ nun zur Pflichtlektüre bayerischer Gymnasiasten gehören soll, wie ein Problem von einem anderen Stern wirkt, ist einsichtig. Das sind Debatten von Gestern, in denen man noch darüber räsonieren konnte, welchen Beitrag Schule zur Bildung von Kindern und Jugendlichen leisten könne. Heute stehen die Schulen mit dem Rücken zur Wand, und man kann es ihnen nicht verdenken, wenn sie sich zunächst einmal mi den praktischen Problemen beschäftigen, um über die Runden zu kommen, statt Grundsatzdiskussionen über den Sinn und Zweck von Schule zu führen.

 

Schluss mit den Debatten

Aber das wird sich rächen. Denn durch die Missachtung von Grundsatzfragen verfestigen sich die Entwicklungen, die sich seit Jahren schon beobachten lassen. Die Schule wird immer mehr zum Spielball von außerschulischen Interessen, gegen die sie sich nicht mehr zur Wehr setzen kann und manchmal auch nicht mehr wehren will. Nachdem sich die Bildungsdiskussion endlich von der Taschen­rechner­pädagogik der „empirischen Bildungsforschung“ befreit hat, die zwanzig Jahre lang mit ihren Pisa-, IGLU-, TIMS- und sonstigen Studien jede Diskussion über den Sinn von Schule in einem Wust von Zahlen erstickt hat, lässt sich jetzt eine stille Übernahme der Debattenhoheit durch schulfremde Akteure beobachten. Die Schulpolitik lässt sich treiben von Medienkampagnen, NGOs oder wirtschaftlichen Interessen der IT-Branche. Die Profillosigkeit der verantwortlichen Politiker sollte ein Warnsignal sein. Außerhalb der engeren Fachwelt wird es heute kaum jemanden geben, der auch die Namen nur eines halben Dutzend deutscher Schulminister kennt, wenn es sich nicht gerade um die Gattin des Bundeskanzlers handelt.

Eine große Enttäuschung sind die Lehrerverbände. Die Verbände sind handzahm geworden. Ihr Ehrgeiz, die Entwicklung des deutschen Schul- und Bildungssystems aktiv mitzugestalten, ist in den letzten Jahren unverkennbar erloschen. Über Jahrzehnte hinweg, spätestens seit den 1970er Jahren, waren die Lehrerverbände neben den Gewerkschaften – denen sie zum Teil auch angehörten –, den Industrie- und Arbeitgeberverbänden und den Kirchen die lautstärksten und wirkungs­mächtigsten Akteure des deutschen Lobbyismus. Auch den einzelnen Lehrern mangelte es, berufsbedingt, nicht an Selbstbewusstsein. Heute hingegen sitzen sie still und verzagt in ihren Lehrerzimmern und warten darauf, dass ihnen die Gesundheitsminister sagen, unter welchen Umständen ihnen und ihren Schülern das Betreten der Klassenzimmer erlaubt sein wird.

Denn auch im kommenden Schuljahr, das lässt sich leicht vorhersagen, werden diese ganzen Problemlagen überwölbt und verdeckt von diesem einen Thema: Corona. Bevor überhaupt die ersten Klassenzimmer nach den großen Sommerferien geöffnet wurden, haben Teile der Bundesregierung ein „Maßnahmenpaket“ publiziert, das für den Schulbetrieb im Herbst Schlimmes befürchten lässt. Die große Frage nach dem Zweck von Schule könnte sich wieder auf die Entscheidung reduzieren, ob im Herbst Masken in den Klassenzimmern getragen werden müssen oder ob man die Schulen nicht gleich ganz schließen sollte.

 

Schüler ohne Gesicht

Vor einem Jahr brachte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Baden-Württemberg einen interessanten Vorschlag in die Debatte ein: „Wie wäre es zum Beispiel mit einem Lucha-Schüler*innen-Döner-Gutschein für jede geimpfte Person ab zwölf Jahren?“ Der Vorschlag richtete sich an die einheimische Gesundheitsministerin Manne Lucha von der Partei Bündnis 90/Grüne, die mit einem „Lucha-Schüler*innen-Döner-Gutschein“ sicher einen bildungspolitischen Meilenstein gesetzt hätte. Dazu ist es nicht gekommen. Aber da die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft nicht dafür bekannt ist, den Gegebenheiten des Schulwesens mit Humor zu begegnen, muss man befürchten, dass der Vorschlag ernst gemeint ist.

Ganz allein steht sie mit solchen Vorstellungen keineswegs. Denn die Unter­werfungs­bereitschaft der Verbände wie der Schulbehörden unter das Diktat des Gesundheitsministers ist weiterhin uneingeschränkt. Nachdem das Modell „viermal geimpft und trotzdem erkrankt“ durch Spitzenpolitiker konsensfähig gemacht wurde, muss man sich nicht darüber wundern, dass auch die Voodoo-Formel „mit der Maske schützt man sich und andere“ besonders im schulischen Umfeld weiterhin hohen Kredit genießt. Die Dogmenbedürftigkeit des schulpolitischen Betriebs scheint unüberwindbar zu sein. Die Pisa-Dogmen hat die Schule mühsam abgestreift; aber sie wurden abgelöst von Impf- und Maskendogmen.

Im „Bericht des Sachverständigenausschusses nach § 5 ABS. 9 IFSG“, der „Evaluationskommission“ der Bundesregierung also, heißt es: „Die Kombination von epidemiologischen Erkenntnissen und tierexperimenteller Bestätigung lässt die Schlussfolgerung zu, dass das Tragen von Masken ein wirksames Instrument in der Pandemiebekämpfung sein kann.“ Besonders überzeugt scheinen die Autoren von ihrer Behauptung nicht zu sein.

Die „tierexperimentelle Bestätigung“ bezieht sich auf eine chinesische Laborstudie, die 2019 mit syrischen Goldhamstern unternommen wurde. Man wird sich darauf einigen können, dass Schüler keine Hamster sind, eigentlich sind sie überhaupt keine Tiere, sondern Menschen. Was ist das für eine Pädagogik, die das vergessen kann? Eine Pädagogik, die Ängste schürt, statt Optimismus zu verbreiten? Eine Pädagogik, die „Studien“ aus dem Hause Lauterbach zu unanfechtbaren Wahrheiten deklariert, statt pädagogische Diskussionen über die Folgewirkungen solcher Maßnahmen zu führen? Denn unumstritten ist der Nutzen von Masken keineswegs, und über die physischen wie psychischen Schäden, die durch den schulischen Maskenzwang angerichtet werden, geben keine Laborstudien mit Hamstern Auskunft. Darüber müssten sich Pädagogen Gedanken machen.

Aber das Problem liegt tiefer. Welches Menschenbild verbirgt sich hinter einer Pädagogik, die es als selbstverständlich betrachtet, Kinder einen ganzen Schultag einen Maskenzwang zu unterwerfen? Auf diese Idee ist nicht einmal die schwärzeste Pädagogik des 18. Jahrhunderts gekommen. Masken berühren den Kern der Persönlichkeit, des sozialen Miteinanders und damit eben auch Grundfragen pädagogischen Handelns. Die Vorstellung, dass man sein Gesicht verhüllen soll, ist dem abendländischen Kulturkreis ganz und gar fremd. Ausgerechnet in der Schule bei Kindern von sieben, acht oder neun Jahren wird die elementarste Selbstverständlichkeit des sozialen Miteinanders außer Kraft gesetzt: Man zeigt sein Gesicht nicht mehr. In anderen Kulturen mag es selbstverständlich sein, dass man Menschengruppen, die man für minderwertig hält, die Verhüllung des Gesichts in der Öffentlichkeit gebietet, um damit ihre Individualität auszulöschen. In wieder anderen Kulturen, in Afrika und Melanesien, werden Masken bei rituellen Tänzen eingesetzt, bei Initiationsriten oder zur Gefahrenabwehr.

Sehr weit entfernt ist man im Deutschland dieser Tage davon nicht mehr. Masken, so heißt es gegen jede Empirie, schützten vor Infektionen, wenn,  ja wenn man sie nur „richtig trüge“. Die Diskussion über die Masken in der Schule erinnert von Ferne an die alten Schlachten um die Gesamt- oder Gemeinschaftsschule. Deren komplettes und empirisch immer wieder gut belegtes Scheitern wird von ihren unverdrossenen Anhängern mit dem Argument beiseite gewischt, man habe es eben immer „noch nicht richtig“ gemacht.

Nun ist es mit dem Richtig-Tragen so eine Sache. Das Bundesgesundheitsministerium, dessen volkserzieherische Ambitionen die der Schulministerien weit hinter sich gelassen haben, hat in einlässlichen Erörterungen dargelegt, wie das geht. Ihre publizistischen Bannerträger unterstützten diese Bemühungen mit Lehrfilmen, von denen man nicht weiß, ob sie ernst oder parodistisch gemeint sind. Ob Erstklässler, die oft nicht einmal ihre Schuhe binden können, damit zurechtkommen, steht aber dahin. Eine Schule, die das alles ernst nähme, könnte den Unterrichtsbetrieb einstellen. In  der Regel 112-199 der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung  wird als Anhaltswert  für eine FFP2-Maske ohne Ausatemventil eine Gebrauchsdauer von 75 Minuten und eine Erholungsdauer von 30 Minuten angegeben. Wie soll das in der Schule funktionieren?

Ein kurzer Blick in eine beliebige Bundestagsdebatte auf Phoenix lehrt im Übrigen, dass kein einziger der Abgeordneten, die ans Rednerpult treten, den richtigen Umgang mit der Maske in der Weise beherrscht, wie ihn das Ministerium vorschreiben will. Das gilt übrigens auch für den Bundesgesundheitsminister selbst.

 

Schule als kuratorische Anstalt

In der Maskenfrage reicht weit über den unmittelbaren Anlass hinaus. In ihr verdichtet sich die Vorstellung, die man heute von Schule hat. In modernen Gesellschaften ist die Schule ein fundamentaler Ordnungsfaktor und Orientierungsmaßstab des alltäglichen Lebens. Sie reguliert Tages- und Jahresabläufe, man kann auch sagen: Sie zwingt sie auf, denn aufgrund der allgemeinen Schulpflicht kann sich ihr niemand entziehen, und auch die Berufs- und Freizeitgestaltung sind direkt oder indirekt von der Schule betroffen. Schüler, Lehrer und Eltern und weite Teile des öffentlichen Lebens folgen einem Rhythmus, dessen Taktgeber die Schulpflicht ist.

Zu den Grundideen des modernen Schulwesens in Deutschland gehörte aber auch, dass die Macht, welche die Schule damit auf die Gesellschaft ausübt, eingehegt werden muss. Aber  das grundgesetzlich garantierte, sorgfältig austarierte Zusammenspiel von Familie und Staat bei der Kindererziehung wurde spätestens seit der Ganztagsschuldiskussion auch in Westdeutschland außer Kraft gesetzt. Zu verführerisch war das DDR-Modell, in dem der Staat den Eltern die Mühen der Kindererziehung von klein auf abnahm.  Im Zuge dieser Entwicklung hat sich die Schule als Bildungseinrichtung verabschiedet und ist zu einer Anstalt mit einem umfassenden Erziehungsanspruch geworden, die alle Lebensäußerungen ihrer Schüler, bis hin zum Atmen, reguliert und gängelt. Diese Schule, die ihre kuratorischen Funktionen ins Unermessliche ausdehnt, sichert sich damit den vollkommenen Zugriff nicht nur auf den Geist, sondern auch auf den Körper von Kindern und Jugendlichen.

Und dabei bleibt es nicht. Die kuratorische Besorgnis reicht längst bis in die Hochschulen hinein, die sich angewöhnt haben, ihre Studenten zu „betreuen“ statt sie als mündige Menschen ernst zu nehmen. Eine bayerische Universität, die sich ein eigenes „Zentrum für Klimaresilienz“ gönnt, verabreicht ihren Studenten hilfreiche Hinweise, wie man sich gegen die Hitzewellen des Klimawandels schützt. Angeraten wird nächtliches Öffnen der Fenster, ausreichendes Wassertrinken und Verzicht auf sportliche Aktivitäten in der Mittagshitze.

 

Anpassung oder Widerstand?

In der Maskenfrage verdichtet sich die ganze Trostlosigkeit der schulpolitischen Diskussion. Kinder und Jugendliche sind hier nur noch Verfügungsmasse eines blinden Geschachers um diskurspolitische Vorteile in gesellschaftspolitischen Grabenkämpfen. Der deutsche Soziologe Helmut Schelsky hat 1961 die Diskussion um die Aufgabe von Schule auf die Formel gebracht „Anpassung oder Widerstand?“. Seit es Schultheorie gibt, ist die Auffassung lebendig, dass die Schule mehr zu leisten habe, als die geschmeidige Anpassung der Schüler an die gerade zufällig bestehende Gesellschaft. Das war keineswegs eine Erfindung der 68er-Systemveränderer. Auch der konservativen Schultheorie war es selbstverständlich, dass die Schule nicht nur einen Anpas­sungs‑, sondern auch einen Gestaltungs­auftrag von der und für die Gesell­schaft habe. In bewegteren Zeiten hat man das „Kritik­fähigkeit“ genannt, in ruhigeren hieß das einfach „Bildung“. Davon ist nichts mehr übrig geblieben.

Gedacht war das anders, als man „Erziehung zur Mündigkeit“ zur ersten Pflicht der Schule erklärte. Manchmal vermisst man sie doch, die Alt-68er-Lehrer, die sich schon deshalb gegen solche Zumutungen gewehrt hätten, weil es sich um staatliche Regulative handelte. Aber diese Zeiten sind vorbei.

Mit ihrer Selbstunterwefung unter das Corona-Regime sind die Schulen auf dem besten Weg, wieder das zu werden, was sie einmal waren und nie wieder sein wollten: Untertanenfabriken.

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Einen Radiokommentar von Peter J. Brenner zur „Winnetou“-Aktion des Ravensburger Verlags finden Sie hier.

Den Radio-Essay „Gesichter einer Landschaft. Theodor Fontane und seine Mark Brandenburg“ von Peter J. Brenner finden Sie hier.