Die VerdrÀngung der Wirklichkeit

Über Wochen hinweg wurde in der deutschen Öffentlichkeit die Corona-Krise wahrgenommen, als handele es sich um eine Netflix-Serie. Auch in den QualitĂ€tsmedien, den öffentlichen wie den privaten, wurde die These vertreten, Corona sei eine Verschwörung des „rechten Spektrums“, das die „Angst vor dem Fremden“, in diesem Fall die Angst vor fremden Viren, schĂŒren wolle. Aus der anderen, der nicht-rechten, Ecke kamen andere BefĂŒrchtungen: dass dunkle staatliche MĂ€chte die Gelegenheit zur EinschrĂ€nkung bĂŒrgerlicher und wirtschaftlicher Freiheiten missbrauchen werden. Der Verdacht wurde geschĂŒrt, der Staat könne sich zum Seuchenschutz der Daten bemĂ€chtigen, die man ansonsten nur Google und Facebook ĂŒberlĂ€sst. Auch juristische BedenkentrĂ€ger melden sich zu Wort, von denen im September 2015 nichts zu hören war. Und dass irgendwie der amerikanische PrĂ€sident mit Schuld sein mĂŒsse, gehört zur deutschen Medienfolklore wie das Atmen.

So oder so: Es fiel der deutschen Öffentlichkeit schwer, die Bedrohung ernst zu nehmen. Ernst genommen wurde das Virus erst wirklich, als das HerzstĂŒck der Spaßgesellschaft, der Fußball, bedroht war, als ĂŒber Schulschließungen diskutiert wurde und als Grenzkontrollen in die Diskussion kamen. Aber dem folgten die Corona-Partys der Spaßgesellschaft. Wer „jung und gesundheitlich nicht vorbelastet“ war, sah sich zu GrenzĂŒberschreitungen jeder Art berechtigt. Der von der Fridays-for Future-Bewegung unter medialer Beihilfe geschĂŒrte, historisch beispiellose Generationenhass mit seinen Ausrottungs- und Vernichtungsphantasien trug jetzt seine giftigen FrĂŒchte.

Krisen seien die Stunde der Exekutive, pflegen Politologen zu sagen. Aber auf die Exekutive wartete man lange vergeblich. Nachdem die Bundeskanzlerin ĂŒber Monate hinweg sich nicht mehr öffentlich geĂ€ußert hatte, nur einmal, am 3. MĂ€rz, mitten in der eskalierenden Corona-Krise, den Kampf gegen Rassismus als ihr „tiefstes Anliegen“ bezeichnete, musste man schon befĂŒrchten, das Volk habe das Vertrauen der Kanzlerin verloren.

Aber am 11. MĂ€rz kam das erlösende Wort: Die Bundeskanzlerin und ihr Gesundheitsminister setzen sich an die Spitze der Virusleugner-Bewegung und erklĂ€ren Grenzschließungen und das generelle Verbot von Großveranstaltungen fĂŒr unnötig. Stattdessen fordert die Bundeskanzlerin auf, „unser Herz fĂŒreinander“ zu entdecken. FĂŒnf Tage spĂ€ter fĂŒhrte Deutschland Grenzkontrollen zu fĂŒnf seiner neun NachbarlĂ€nder ein. Am Tag darauf wurde ein Einreisestopp fĂŒr alle Nicht-EU-BĂŒrger beschlossen, ausdrĂŒcklich ausgenommen wurden Asylbewerber. Bayern kĂŒndigte die Schließung der Schulen und anderer Bildungseinrichtungen ab dem 16. MĂ€rz an; die meisten anderen BundeslĂ€nder schlossen sich dem an, wĂ€hrend kurz zuvor noch Bundesbildungsministerin Anja Karliczek und andere Politiker sich gegen eine flĂ€chendeckende Schließung von Schulen gewandt hatten.

 

Zwei Reden: Merkel und Söder

Nach Wochen des Zauderns und Zögerns tritt die Bundeskanzlerin am 18. MĂ€rz fĂŒr eine Fernsehansprache vor ihr Volk. Sie sagt nicht mehr als das, was sie zur FlĂŒchtlingskrise auch gesagt hat: Die Virus-Krise ist nun mal da und die „BĂŒrgerinnen und BĂŒrger mĂŒssen sie als IHRE Aufgabe begreifen.“ Was sie nicht sagt, ist, was sie selbst als IHRE eigene Aufgabe und die der Regierung begreift. Sie sagt nicht, wie viele PlĂ€tze in Intensivstationen, wie viel BeatmungsgerĂ€te, wie viele Atemmasken, wie viele SchutzanzĂŒge, wie viel Desinfektionsmittel zur VerfĂŒgung stehen oder woher sie kommen sollen und wann mit einem Impfstoff zu rechnen ist; sie sagt nicht, was genau die „staatlichen Ebenen“ planen, „um alle in unserer Gemeinschaft zu schĂŒtzen“. Sie sagt nichts ĂŒber Grenz- und Schulschließungen, ĂŒber Hilfen fĂŒr die Wirtschaft und ĂŒber die Ressourcen des Gesundheitssystems.

Selbst der nun wirklich ĂŒberfĂ€llige Dank an die BeschĂ€ftigten im Gesundheitswesen und in den SupermĂ€rkten kam in typischer Manier so verdruckst und verquer daher, dass kaum erkennbar wurde, was und wen sie eigentlich meinte. Und es war wohl kein Versehen, dass sie Polizisten und GrenzschĂŒtzer, Feuerwehrleute und OrdnungskrĂ€fte aller Art zu erwĂ€hnen vergaß.

Am Tag darauf gab der Bayerische MinisterprĂ€sident Markus Söder eine RegierungserklĂ€rung im Landtag ab. WĂ€hrend die Bundeskanzlerin Abstandhalten, HĂ€ndewaschen und Briefeschreiben als Königsweg aus der Krise empfohlen hatte, erklĂ€rt der MinisterprĂ€sident in klaren Worten die administrativen, legislativen und wirtschaftlichen Maßnahmen der Landesregierung. Er erlĂ€utert die Folgen fĂŒr die einzelnen Lebensbereiche, fĂŒr die Bildungseinrichtungen, fĂŒr das Gesundheitswesen, fĂŒr Wirtschaft und Finanzen. Er kann berichten, dass die Staatsregierung 1 000 BeatmungsgerĂ€te gekauft hat und dass mittelstĂ€ndische Betriebe auf Initiative der Staatsregierung mit der Fertigung von Schutzmasken begonnen haben. Und den Dank an die, die mithelfen, und zwar an alle, vergisst er auch nicht.

„So geht FĂŒhrung“ jubelte die fĂŒhrende deutsche Boulevardzeitung. Aber sie meinte nicht den MinisterprĂ€sidenten, sondern die Bundeskanzlerin. Ihr war es am 22. MĂ€rz 2020 gelungen, eine Schaltkonferenz der MinisterprĂ€sidenten der BundeslĂ€nder einzuberufen, sechs Wochen nach dem ersten deutschen Corona-Toten. Beschlossen wurden im Wesentlichen die gleichen Maßnahmen, die in Bayern schon Tage vorher eingeleitet wurden waren, und am Ende kommt heraus, was immer heraus kommt: „Kabinett beschließt Milliardenhilfen“, was in diesem Fall sogar richtig und notwendig ist.

Merkel wurde medial umjubelt, nachdem sie wochenlang nichts getan hatte, Söder wurde attackiert, weil er halbwegs rechtzeitig getan hatte, was zu tun war. So geht nicht FĂŒhrung, aber so geht Politik. Ob das der deutschen Bevölkerung nĂŒtzt, weiß man nicht; aber der Kanzlerin nĂŒtzt es, das zeigen die Umfragewerte. In der deutschen Erlebnisgesellschaft zĂ€hlt pastoraler Politkitsch eben mehr als kĂŒhler Sachverstand und klares Verwaltungshandeln.

 

Das Ende der alten Gewissheiten

Wie so oft, so beschwor auch diesmal die Bundeskanzlerin die SolidaritĂ€t, die Gemeinschaft, das gemeinsame Handeln. Aber Deutschland ist nicht China. Diese Gesellschaft wird sich durch Fernsehappelle einer Bundeskanzlerin nicht zusammenfĂŒhren lassen, und das ist auch nicht die Aufgabe der Regierung. Der Staat muss die Sicherheit seiner BĂŒrger garantieren, und er muss die Infrastruktur fĂŒr die Grundversorgung mt lebenswichtigen GĂŒtern und Dienstleistungen sicherstellen. FĂŒr ihren Zusammenhalt muss die Gesellschaft schon selber sorgen.

In der Corona-Krise werden einige LebenslĂŒgen dieser Gesellschaft in Frage gestellt. Speziell die Deutschen werden wieder lernen mĂŒssen, dass moderne Gesellschaften nur dann funktionieren, wenn sie diskriminieren – wenn sie Unterscheidungen vornehmen zwischen Kranken und Gesunden, Infizierten und Nicht-Infizierten, StaatsbĂŒrgern, die auf Staatskosten aus dem Urlaub zurĂŒckgeholt werden – der Bundesaußenminister stellte dafĂŒr 50 Millionen Euro bereit – und Nicht-StaatsbĂŒrgern, fĂŒr die das nicht gilt. Es gibt Unterscheidungen zwischen unverzichtbaren „systemkritischen“ – gemeint sind wohl „systemstabilisierende“ – und nicht so wichtigen Berufen; zwischen Politikern, die prophylaktisch auf Corona getestet werden, und normalen BĂŒrgern, fĂŒr die keine Tests zur VerfĂŒgung stehen. In der Wohlstands- und Spaßgesellschaft, die sich gerne mit SekundĂ€rproblemen befasst, kann man solche notwendige Unterscheidungen – „Diskriminierungen“ – lange verdeckt halten oder gar als „strukturellen Rassismus“ Ă€chten. In Zeiten der Krise treten sie zutage und erweisen sich als ĂŒberlebensnotwendig.

Dass die Politik einer hemmungslosen wirtschaftlichen Globalisierung und ihre humanitĂ€re kleine Schwester, die Politik der offenen Grenzen, an ihr Ende gekommen sind, dĂŒrfte selbst dem abgebrĂŒhtesten WirklichkeitsverĂ€chter klar geworden sein. Auch die Umwelt- und Klimadiskussion wird einige ihrer LebenslĂŒgen verabschieden mĂŒssen: Der öffentliche Nah‑ und Fernverkehr, der in der Klimakrise als ultimative MobilitĂ€tslösung propagiert wurde, wird plötzlich zur Virenschleuder. Unversehens wird auch klar, dass die Regale in den SupermĂ€rkten von dieselgetriebenen LKWs beliefert werden, denen man verschĂ€mt Sonderspuren an den GrenzĂŒbergĂ€ngen freimacht. Plastikfolien gewinnen als Hygieneschutz neues Prestige, und die Chemie-Industrie wird wieder hofiert, weil man ihre Desinfektionsmittel und Impfstoffe braucht. Vielleicht ahnt man auch, was es bedeuten könnte, wenn der Ausfall von Strom‑ und WĂ€rmeversorgung wegen aufgelassener Atom- und Kohlekraftwerke und unzuverlĂ€ssiger Wind- und Sonnenenergie nicht mehr nur eine fernes Gedankenspiel aus dem „rechten Spektrum“, sondern denkbare RealitĂ€t wird.

Aus der Krise kann man lernen, dass man mit ideologisch motivierten dogmatischen Vereinseitigungen gesellschaftliche HandlungsspielrĂ€ume verengt und abschneidet, die man in Krisenzeiten – und nicht nur dann – dringend benötigt.

 

Verborgene ErinnerungsschÀtze

Die Schulen und die Medien tĂ€ten gut daran, die Erinnerung daran nicht einschlafen zu lassen, wie frĂŒhere Gesellschaften mit Krisen dieser Art umgegangen sind. Niemand wĂŒnscht sich, dass die nĂ€chste Generation die Erfahrung der Krisen vergangener Jahrhunderte, die Erfahrung von Seuchen, Hunger, Inflation; von Vernichtungslagern, Krieg, Vertreibung, ZerrĂŒttung gesellschaftlicher VerhĂ€ltnisse je einmal selbst machen muss. Hier ließe sich viel aus der Geschichte lernen, wenn man dazu bereit wĂ€re.

Die Weltliteratur, als die kultivierte Kehrseite der Globalisierung, hat einige von diesen Erfahrungen festgehalten. Boccaccios „Decamerone“ erzĂ€hlt in 100 Geschichten, wie zu Beginn der Neuzeit die gleichermaßen verheerende wie kulturprĂ€gende und zivilisationsstiftende Macht der Schwarzen Pest soziale Extreme hervorruft, von Bußexzessen bis zu frivolen Ausschweifungen. Daniel Defoe zeigt in seinem fingierten, aber in seiner statistischen NĂŒchternheit umso eindringlicheren „Journal of the plague year“, wie die neuzeitliche Gesellschaft zu lernen beginnt, mit der großen Pest umzugehen. Bei Edgar Allan Poe wird die Cholerapandemie der 1830er Jahre – der noch Hegel zum Opfer fiel – zum literarischen Geburtsort einer morbiden „Ästhetik des Schreckens“. Karl May, der begnadete ErzĂ€hler, gibt im dritten Band seines Orient-Zyklus „Von Bagdad nach Stambul“ eine der eindringlichsten Darstellungen der Pest, die sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wieder ausbreitete, und deutet sie als Folge orientalischen ZivilisationsrĂŒckstandes. Thomas Mann schließlich holt die Seuchen seiner Zeit wieder in den bĂŒrgerlichen Alltag hinein: den Typhus in den „Buddenbrooks“, die Cholera im „Tod in Venedig“ und die Tuberkulose im „Zauberberg“. Der Corona-Krise chronologisch wie sachlich am nĂ€chsten steht der Klassiker dieser Motivtradition: Albert Camus‘ „La Peste“ von 1947.

Die Erfahrung epidemischer Krankheiten und ihrer Folgen ist also wahrlich nicht neu. Sie ist nur vergessen. Die historische Erinnerung könnte das Bewusstsein dafĂŒr wach halten, dass das Unvorhersehbare jederzeit eintreten kann, dass das Unwahrscheinliche nicht das Unmögliche und dass die Katastrophe nicht undenkbar ist.