Weihnachten – warum und für wen?

Diesmal war alles anders. Weihnachten konnte nicht so gefeiert werden, wie man es seit Generationen in Deutschland gewöhnt war. Auch Weihnachts­märkte, die Weihnachtseinkäufe, die Weihnachtsfeiern in den Schulen und Betrieben, unterlagen so strengen Restriktionen, dass weitgehend ganz darauf verzichtet wurde.

Besonders schlimm sollte das eigentlich nicht sein. Denn von kundiger Seite wurde im schönsten Talkshow-Deutsch verkündet: „Überhaupt Weihnachten – übrigens für fast 40 Prozent dieser Gesellschaft trifft das irgendwie überhaupt nicht zu“. Das erklärte Lamya Kaddor am 25. November 2020 gleich zu Beginn der Talkshow „Maischberger“ und forderte eine Stunde später den Rücktritt des Fußballtrainers Joachim Löw. Lamya Kaddor wurde vorgestellt als Publizistin, Lehrerin – ohne Staatsexamen – und Islam­wissenschaftlerin. Sie ist also Spezialistin für vielerlei, und sie lebt wie viele andere ihrer Profession davon, in Talkshows und anderen Medien haltlose Behauptungen aufzustellen. Dazu gehört zweifellos ihre Aussage über Weihnachten. Denn jedem auch nur beiläufigen Beobachter der deutschen Lebenswirklichkeit muss klar sein, dass Weihnachten auf genau 100 Prozent der deutschen Bevölkerung und der sonstigen hier Lebenden „zutrifft“.

Wer allzu viel Zeit in Talkshows und Fernsehstudios verbringt, bekommt vielleicht nicht alles mit. Aber schon der bloße Augenschein zeigt, dass der öffentliche Raum in Deutschland schon Wochen vor Weihnachten von der Einstimmung auf eben dieses Fest geprägt ist. Ob es einem nun gefällt oder nicht – Weihnachten ist das einzige Fest, das eine flächendeckende, alle Alltagsbereiche und alle Bevölkerungss­chichten umfassende Ausstrahlung auf die deutsche Lebens­wirklichkeit hat. Weihnachten „betrifft“, so oder so, jeden.

Seit Jahrzehnten ist Weihnachten ein mediales Großereignis, das Zeitungen und Rundfunkanstalten die einzigartige Gelegenheit bietet, jedes Jahr das gleiche Programm und die gleichen Geschichten, die gleichen Ratschläge und die gleichen Geschenkempfehlungen anzubieten, ohne dass jemand das anstößig findet.

Nicht zuletzt – und wahrscheinlich in erster Linie – ist Weihnachten ein Wirtschaftsfaktor, der für ganze Branchen eine entscheidende Bedeutung hat. Buchhandel, Bekleidungs- und Spielwarenindustrie und etliche andere Sektoren der Wirtschaft erzielen maßgebliche Anteile ihres Umsatzes im Weihnachtsgeschäft, ganz  zu schweigen von der Gastronomie und genuin weihnachtsspezifischen Erwerbszweigen.

Vor allem aber ist Weihnachten fest in der europäischen Kulturtradition verankert. Das Fest hat einen weiten Kreis hochkultureller wie volkstümlicher Werke hervorgebracht. Die bildkräftige Weihnachtsgeschichte des Lukasevangeliums hat die abendländische Malerei zu herausragenden Kulturleistungen inspiriert. Von der „Geburtsszene“ des unbekannten Meisters von Castelseprio in der Lombardei aus dem 9. Jahrhundert über Giotto, Botticelli, Altdorfer, Rembrandt und Poussin bis zu Gauguin reichen in der abendländischen Malerei die Darstellungen der Geburt Jesu.

Interessanterweise hat die Weihnachtsgeschichte in der Literatur weniger kulturell hochrangigen Widerhall gefunden. Gewiss gibt es weihnachtliche Lieder und Gedichte sonder Zahl; es gibt die Tradition der mittelalterlichen Krippenspiele und anderer liturgienaher Darstellungsformen, es gibt den durch Film und Fernsehen bekannten Klassiker „Christmas Carol“ von Charles Dickens. Die deutsche Literatur hat seit dem 19. Jahrhundert eine Fülle von kanonischen Weihnachtstexten hervorgebracht: von Stifters „Bergkristall“ und Peter Roseggers Kindheitserinnerungen über das Weihnachtskapitel in den „Buddenbrooks“, Ludwig Thomas „Heilige Nacht“ bis zu Bölls Satire „Nicht nur zur Weihnachtszeit“. Auch in der Musik hat Weihnachten von Bachs machtvollem Weihnachtsoratorium über das volkstümliche „Stille Nacht“  bis hin zum Jingle-Bells-Kitsch in den Kaufhauspassagen die unterschiedlichsten Kulturleistungen angeregt.

Einer islamischen Religionslehrerin wie Lamya Kaddor mag man gerne glauben, dass sie das alles „nicht betrifft“, womit sie ja wohl meint, dass sie es nicht versteht. Vielleicht hat sie Recht.  Deutsche Schulkinder wissen heute im Durchschnitt sicher mehr über den Ramadan und das Zuckerfest als über die Adventszeit und Weih­nachten. Das ist auch nicht ganz verkehrt. In ihrem Erwachsenenleben wird ihnen das eine nützlicher sein als das andere.

 

Eine neue Erfahrung: Corona-Weihnachten

Angesichts der manifesten Bedeutung des Weihnachtsfestes für die deutsche Bevölkerung war es eine heikle politische Frage, ob auch für die Weihnachtsfeiertage Corona-Reglementierungen gelten sollten. Ein derart gravierender Eingriff in die bürgerliche Lebensform musste sehr gut begründet sein, um hingenommen zu werden. Die fürsorgliche Bundeskanzlerin spielte im Vorfeld den Ball elegant zurück an die Bevölkerung: „Wenn wir im November alle sehr vernünftig sind, dann werden wir uns mehr Freiheiten zu Weihnachten erlauben können“, hatte sie Anfang November versprochen und sogar in Aussicht gestellt, „dass sich Kernfamilien, wie man so schön sagt, auch besuchen können“. Das passte irgendwie in den vorweihnachtlich gestimmten Erwartungshorizont: Wer nicht brav ist, bekommt kein Geschenk. So ist es dann auch gekommen.

Zur Eindämmung der wirtschaftlichen Folgen, welche die Kontakteinschränkungen für das Weihnachtsgeschäft des Einzelhandels mit sich bringen mussten, hatte der zuständige Bundeswirtschaftsminister eine klare Empfehlung zur Hand: Am 25. November 2020 erklärte er in der Bild-Zeitung „Einkaufen“ zu einer „patriotischen Aufgabe“. Drei Wochen später, am 13. Dezember 2020, forderte er im gleichen Medium  einen „Verzicht aufs Weihnachtsshopping“. Und dass der Bundesgesundheitsminister am 1. September 2020 erklärt hatte, es werde im Zuge der Corona-Maßnahmen keine Schließung des Einzelhandels mehr erforderlich sein, ist drei Monate später ohnehin längst vergessen.

Alles in allem wurde also von politischer Seite ziemlich viel Unsinn zusammen­ geredet, um den deutschen Bürgern die weihnachtlichen Coronarestriktionen schmackhaft zu machen. Die Scheu vor klaren Ansagen und Aussagen ist verständlich, und die dann tatsächlich verhängten Restriktionen wurden mit der beschwichtigenden Zusicherung abgefedert, man werde es damit nicht so genau nehmen. Eine Kriegserklärung an die Bürger hätte schlecht zum weihnachtlichen Friedensfest gepasst. Aber was immer man sich in der Bundesregierung bei dieser Art von Kommunikation gedacht hat, falls man sich etwas gedacht hat: es hat funktioniert. Ob es nun am Verzicht auf Kontrollen oder an der Einsicht der weihnachtlich gestimmten Bürger oder auch an bloßer Lethargie gelegen hat – an Heiligabend und den beiden Weihnachtsfeiertagen wurden, wenn man der Presse trauen darf, keine nennenswerten Verstöße gegen die Corona-Bestimmungen festgestellt.

 

Ein „umstrittenes“ Fest?

Wenn sich eine islamische Talkshowqueen wie Lamya Kaddor zu Gehör bringt, kann die deutsche Qualitätspresse nicht zurückstehen. So musste es so kommen, dass pünktlich zum Heiligabend der Herausgeber einer Frankfurter Zeitung seinen verbliebenen Lesern in einem Beitrag darlegte, dass das Weihnachtsfest schon immer „umstritten“ gewesen und mithin eigentlich überflüssig sei. Nun ist „umstritten“ eine jener Vokabeln aus dem Wörterbuch des Qualitätsjournalismus, mit denen man sich dem Zeitgeist gefällig erweisen kann, ohne eigentlich zu wissen, worüber man gerade redet. Richtig ist, dass die biblische Weihnachts­geschichte Zumutungen für den Intellekt bereithält, die selbst einem F.A.Z.-Herausgeber anstößig erscheinen müssen. Nicht ganz unbekannt ist auch das politische Sündenregister des Weihnachtsfests. Spätestens seit dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 – dem das bürgerliche Wohnzimmer in Deutschland den Weihnachtsbaum verdankt – wurde es mit politischen Parolen verknüpft, „instrumentalisiert“ also, wie man heute sagt. Das setzte sich im Ersten Weltkrieg genauso gut fort wie im Zweiten, und die Kirchen waren immer dabei. Im Nationalsozialismus wurde aus dem Familienfest, das sich allen ohnehin nur halbherzigen Versuchen seiner Umwidmung zu einem „Julfest“ widersetzte, die „Deutsche Weihnacht“ oder die „NS-Volksweihnacht“. Wieder anders entwickelt sich die Politisierung des Weihnachtsfestes in der Nachkriegszeit. In der DDR hütete man sich nach ersten schlechten Erfahrungen vor dem offenen Kampf gegen das Weihnachtsfest, drängte vielmehr seinen christlichen Gehalt zurück und widmete es um zum „Sozialistischen Friedensfest “.

Überraschend ist diese Politisierung des Weihnachtsfestes eigentlich nicht. Weih­nachten war von seinem ersten Beginn an genau das: ein politisches Fest. Als in der Mitte des 4. Jahrhunderts der römische Bischof die Geburt Jesu auf das heutige Datum festlegte, war bereits das ein kühl kalkulierter kirchenpolitischer Akt: Das Datum konkurrierte mit dem römischen Sonnenfest, und dass sich Weihnachten am 25. Dezember gegenüber dem römischen Fest durchsetzte, war zugleich ein Symbol für den politischen Siegeszug des Christentums im römischen Reich.

So ist es nicht abwegig, wenn heutige Kirchenfürsten die Weihnachtsgeschichte im politischen Tageskampf in Stellung bringen. In seiner Weihnachtskarte vom Dezember 2014 appellierte der gerade ernannte Kölner Kardinal Rainer Woelki an die Gläubigen seiner Diözese, eine Willkommenskultur für Flüchtlinge zu schaffen. Denn die Weihnachtsgeschichte zeige, dass auch Jesus ein Flüchtling gewesen sei. Dabei gerät ihm die biblische Überlieferung etwas durcheinander. Er meint wohl die spätere „Flucht nach Ägypten“ der Heiligen Familie vor Herodes – in der Tat eine Flüchtlingsgeschichte, die aber der Kardinal nicht zu Ende erzählt. Denn unmittelbar nachdem die Gefahr vorüber war, ist die Heilige Familie freiwillig in ihre Heimat zurückgekehrt, wurde dazu sogar ausdrücklich vom „Engel des Herrn“ aufgefordert. (Matth. 2, 19-22) Meistens sind die Geschichten des Neuen Testaments doch näher an der Lebenswirklichkeit als ihre politischen Ausdeutungen im 21. Jahrhundert. Der Kölner Kardinal hätte die Folgen der von ihm geforderten „Willkommenskultur“ in der Silvesternacht des Folgejahres vor seiner eigenen Haustür, auf der Kölner Domplatte, mit einer Armlänge Abstand beobachten können.

 

Ein Fest fĂĽr die Mediengesellschaft

Aber auf den theologischen Gehalt des Weihnachtsfestes kommt es am Ende gar nicht so sehr an. Auch für den, der nicht daran glaubt, hat das Weihnachtsfest als gesellschaftliches Ritual einen Sinn.  Jede christlich geprägte Nation in Europa hat einen anderen Zugang zum Weihnachtsfest gefunden, eigene, aber meist ähnliche Rituale entwickelt und dem Fest einen je eigenen Stellenwert im nationalen Gefühlshaushalt zugewiesen. Der Ethnologe Claude Lévi-Strauss hat 1952 in seiner berühmten Studie über „Le Père Noël Supplicié“, den „gemarterten Weihnachts­mann“, gezeigt, dass diese Riten oft zurückreichen in archaische Frühschichten aller Gesellschaften.  In Deutschland wurde Weihnachten zum Fest der „Kernfamilie, wie man so schön sagt“ – um es mit den Worten der Bundesk­anzlerin auszudrücken –, und zum Inbegriff deutscher Gemütlichkeit erst im 19. Jahrhundert. Hier entwickelten und verdichteten sich die Insignien, Symbole und Rituale, an die man heute denkt, wenn man den Verlust weihnachtlicher Traditionen beklagt.

Die seit Jahrzehnten geläufigen Vorwürfe, dass Weihnachten seinen spirituellen Gehalt verloren habe, dass es religiös entkernt sei, für politische Zwecke missbraucht wurde und schließlich zu einem bloßen Konsumfest degenerierte, sind allesamt zutreffend und leicht belegbar. Die letzte dieser Anpassungsleistungen war die Öffnung für die Konsumgesellschaft. Der neben dem Christkind zum Symbol des Festes gewordene Weihnachtsmann, der Kinder und Erwachsene nicht, wie in den Erzählungen des 19. Jahrhunderts, mit einer Handvoll Nüsse und ein paar getrockneten Früchten abspeist, sondern sie mit den Errungenschaften der Wohlstandsgesellschaft üppig versorgt, ist die Inkarnation dieser bislang jüngsten Transformation des Weihnachtsfestes. .

Aber am eigentlichen gesellschaftlichen Kern des Weihnachtsfestes zielen diese Feststellungen vorbei. Das Einzigartige am Weihnachtsfest ist ja gerade diese seine Wandelbarkeit, seine Fähigkeit, sich seit eineinhalb Jahrtausenden an immer wieder neue gesellschaftliche Konstellationen anzupassen. In seinen sich wandelnden Gestalten konnte das Weihnachtsfest immer wieder die gleiche Funktion erfüllen: Es ist ein wichtiger Stabilitätsanker auch in einer zusehends areligiöser werdenden Gesellschaft.

Verlustklagen haben diese Transformationen des Weihnachtsfests immer begleitet. Aber „umstritten“ ist das Weihnachtsfest nie gewesen in dem Sinne, dass öffentliche und kontroverse Debatten darüber geführt worden wären. Entweder es wurde gleich von Staats wegen bekämpft – wie heute noch in einigen islamischen Ländern – oder es wurde, wie 1968, von meinungsbildenden gesellschaftlichen Kräften grundlegend in Frage gestellt. Über Rituale kann man jedoch schlecht diskutieren, auch wenn inzwischen die Auffassung sich durchzusetzen beginnt, dass kulturelle Traditionen Verhandlungssache seien, über die man feilschen könne wie über ein Ebay-Angebot.

Ob man sich im Lockdown Sorgen um den Fortbestand des Weihnachtsfests machen müsse, fragte der Frankfurter Zeitungsherausgeber am Heiligabend. Aber wer weiß; vielleicht kommt es ganz anders. Vielleicht ist das Corona-Weihnachten von 2020 der erste Anstoß zu einer neuerlichen Mutation des alten Festes, mit der es sich der modernen Mediengesellschaft anpasst: ein Weihnachtsfest, in dem die Messen nur noch online und, für die ältere Generation, im Fernsehen übertragen werden, und in dem die familiären Feiern nach dem Muster der Skype- oder Zoom-Konferenzen abgehalten werden. Das Corona-Jahr hat gezeigt, dass das alles auch geht und nicht einmal als besonders befremdlich empfunden wird.

So sehr anders war das Corona-Weihnachtsfest am Ende also doch nicht.