Die Schwarze Kunst
Vor 350 Jahren, am 17. August 1676, ist Grimmelshausen gestorben. Die deutschen Qualitätsmedien hat das nicht interessiert. Die Kulturschaffenden hatten andere Prioritäten. Das Kulturereignis des Sommers 2026 war ein Schwimmbad. Es wurde vor der einstmals ehrwürdigen Berliner „Volksbühne“ als temporäre Einrichtung für die Dauer von acht Wochen und den Preis von 300 000 Euro errichtet. Das ist nicht viel angesichts der 20 Millionen Euro, mit denen diese Volksbühne alljährlich bezuschusst wird. Die Eröffnung des Schwimmbades war ein bundesweit zelebriertes Kulturereignis; die öffentlich-rechtliche „Tagesschau“ wusste es genau: „25 Meter lang ist der Pool, fünf Meter breit und 1,30 Meter tief“. Der übergewichtige Intendant der Berliner Volksbühne eröffnete das Spektakel medienwirksam, indem er in einer allzu knappen Badehose in das Becken stieg. Ästhetik sieht anders aus.
Aber darum ging es auch nicht. Denn bei dem Schwimmbad handelte es sich weniger um eine Kunst- als vielmehr um eine Protestaktion. Wogegen sich der Protest richtet, war nicht ersichtlich, deshalb hat er es dazu gesagt: a) wollte er mehr Geld für seine Einrichtung; und b) richtet sich das Schwimmbecken ganz allgemein gegen den Rassismus der steuerzahlenden deutschen Bevölkerung.
„Seit Freitag darf hier bis zum 1. Oktober jeder nach Herzenslust baden“, hieß es zwar in einer Meldung der „Tagesschau“, aber das „jeder“ war nicht ganz ernst gemeint. Es sollten besondere Badetage eingerichtet werden, an denen nur Menschen mit nicht etwa schwarzer, sondern „Schwarzer“ Hautfarbe schwimmen dürfen. Denn Black People of Color würden ausgegrenzt, verkündete der Intendant, und diesmal müssten eben die „Weißen Menschen“ ohne Rassismuserfahrung draußen bleiben. Wie „Schwarz“ man sein muss, um dieser Gunst teilhaftig zu werden, sagte er nicht. Dazu könnte man die Hautfarbentafel heranziehen, die der Anthropologe Felix von Luschan 1905 zur Klassifizierung von 36 verschiedenen Hautfarben entwickelt hatte; sie reichte von einem sehr hellen Beige bis hin zu tiefem Schwarz und wird im nahegelegenen Berliner Humboldt-Forum ausgestellt. Vor wenigen Jahren noch hätte man sich nicht vorstellen können, dass ein derart unverhohlener Rassismus im deutschen Kulturbetrieb noch einmal salon- und subventionsfähig werden könnte. Und als die geduldigen Qualitätsmedien sich nicht hinreichend begeistert zeigten, wurde die Aktion abgesagt. Die Initiatoren waren beleidigt und verkündeten auf einem großen Plakat mit zwei Wörtern aus dem Gossenjargon ihres Milieus, was sie von ihrem steuerzahlenden Publikum hielten. Dieses Publikum bekam immerhin die kulturelle Inszenierung einer untergehenden Gesellschaft geboten; einer Gesellschaft, die sich aufgegeben hat.
Die Welt des „Simplicissimus“
Dieses epochale Kulturereignis ließ keinen medialen Raum mehr für den 350. Todestag eines der bedeutendsten Schriftseller deutscher Zunge. Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausens „Abentheurlicher Simplicissimus teutsch“ ist der erste deutsche Roman, der die Zeiten überdauert hat; ein Werk von weltliterarischem Rang. Anders als das Schwimmbad der Volksbühne steht der Roman nicht für den Niedergang, sondern für den Aufstieg der Gesellschaft: In Grimmelshausens „Simplicissimus“ kann man der modernen deutschen Gesellschaft bei ihrer Entstehung zuschauen.
Auf den ersten Blick sieht es nicht so aus. Denn der „Simplicissimus“ beschreibt eine Welt, die aus den Fugen geraten ist; eine Welt, die durchschüttelt wird von Katastrophen. Der Mensch ist dem Auf und Ab eines undurchschaubaren Schicksals unterworfen. Gleich im ersten Satz zitiert Grimmelshausen Stimmen, die von der gegenwärtigen Zeit sagen, „daß sie die letzte seye“. Damit spielt Grimmelshausen auf die zeitgenössischen Katastrophenbefürchtungen und Endzeiterwartungen an. Die Vorstellung, man sei die „letzte Generation“, ist also nicht ganz neu.
Die Krisenerfahrungen der Zeit werden umfassend dargestellt: „Hunger / Durst / Hitz / Kälte / und grosse Arbeit“; auch von „Theurung“ ist die Rede. Tatsächlich ist die Inflation eine der großen Ängste des Abendlandes. Die deutschen Bürger haben schon recht, wenn sie auch 2025, zum 15. Mal hintereinander, in der Langzeitstudie über die „Ängste der Deutschen“ der R+V-Versicherung die „Inflation“ als ihre weitaus größte Sorge benennen – noch vor der „Furcht vor einer Überforderung des Staates durch Geflüchtete“. Die Inflation ist keineswegs eine Errungenschaft moderner Gesellschaften. Auch die Regierungen vergangener Jahrhunderte gaben der Versuchung oft genug nach, ihre übermäßigen Staatsausgaben durch Wertminderung des umlaufenden Geldes aufzufangen.
Simplicissimus erlebt die Wirren des Dreißigjährigen Krieges als Narr in Hanau, als Soldat und Marodeur, als Kaufmann in Köln und als begehrter Liebhaber auf dem Venusberg in Paris; schließlich durchreist er Europa. Seine Aufenthalte in Wien und der Schweiz, in Moskau und Asien werden kurz geschildert, bevor er sich ins Einsiedlerdasein zurückzieht und dann doch noch einmal in die Welt hinausgeht,
Im Roman verdichten sich die Katastrophenerfahrungen in der alles beherrschenden Beschreibung des Dreißigjährigen Krieges. Grimmelshausen stellt die brutalste Gewalt dar, wie sie der Krieg mit sich bringt. Plünderungen, Raub, Vergewaltigungen, Mord, Folter prägen weite Strecken des Romans. In der deutschen Literaturgeschichte bleibt das jahrhundertelang unüberboten. Erst Theodor Plieviers Roman „Stalingrad“ von 1945 erreicht wieder diese Drastik unbeschönigter Kriegsdarstellung. Einer Gesellschaft, die allzu viel Geschmack an ihrer eigenen kriegslüsternen Rhetorik findet, könnte die Lektüre dieser Schilderungen des realen Krieges nicht schaden
Grimmelshausens Roman ist 1668 erschienen, zwanzig Jahre nach dem Westfälischen Frieden. Er wurde also wahrscheinlich aus einer großen Distanz heraus geschrieben. Die Verhältnisse hatten sich wieder konsolidiert, sowohl die gesellschaftlichen wie die persönlichen. Grimmelshausen hatte sich in der Nähe Offenburgs niedergelassen, er war Schultheiß, leitete also die lokale Verwaltung, sorgte für die Einhaltung der Gesetze und die öffentliche Sicherheit, leitete das niedere Gericht und schlichtete Streitigkeiten, er zog Steuern und Abgaben für den Fürstbischof von Straßburg ein und ernährte damit seine große Familie. Nebenbei betrieb er die noch heute bestehende Gastwirtschaft „Zum Silbernen Stern“ in Oberkirch-Gaisbach.
Über Grimmelshausens frühe Lebensjahrzehnte weiß man wenig, kaum mehr, als man dem Roman selbst entnehmen kann – wenn man davon ausgeht, dass die Schilderungen im Großen und Ganzen autobiographischen Charakter haben. Inzwischen ist allerdings bekannt, dass Grimmelshausen nicht immer Selbsterlebtes schildert; oft wertet er zeitgenössische Quellen aus.
Grimmelshausen war ein fleißiger Autor. Dem „Simplicissimus“ folgten vier weitere Romane nach dem gleichen Muster, aber nicht auf dem gleichen Niveau; daneben erschienen zahlreiche andere Schriften, darunter sein Roman über die „Landstörtzerin Courasche“. Diese beiden Romane Grimmelshausens haben eine große, phasenweise etwas abflauende, Ausstrahlung in der Literatur bis zum Ende des 20. Jahrhundert gehabt. Am berühmtesten wurde Brechts „Mutter Courage“. Der Einfluss reicht bis in die aktuelle deutsche Politik hinein: Für ihre EU-Wahlkampagne 2024 ließ sich eine rüstungspolitisch engagierte Politikerin mit Vierfachnamen auf ihren Wahlplakaten als „Oma Courasche“ feiern. Dabei war ihr – oder ihrer Werbeagentur – wohl nicht bewusst, worum es in Grimmelshausens Roman geht: Er handelt von der „Ertzbetrügerin Courasche“.
Das 17. Jahrhundert, in dessen erster Hälfte der Dreißigjährige Krieg Europa zu einem „Wilden Kontinent“ machte, war für Deutschland eine Zeit des Übergangs. Das Mittelalter ist vorbei. In diesen Jahrzehnten bilden sich die Grundlagen des neuzeitlichen Weltverständnisses ebenso heraus wie die einer neuen Staats‑ und Lebensordnung. Das Leben des Simplicissimus steht im Zeichen der fortuna, des ständigen Wechselspiel des Glücks. Er ist reich und arm, angesehen und verachtet, und er muss lernen, selbst damit zurecht zu kommen: Sein Leben steht unter dem Diktat der Selbstbehauptung. Die Wirklichkeit ist feindlich und unberechenbar, Gottvertrauen ist eine fromme Illusion und auf den Staat kann man sich nicht verlassen – es gibt ihn nicht; erst in den folgenden Jahrhunderten bildet sich der neuzeitliche Staat westlicher Prägung heraus.
Grimmelshausen und mit ihm sein Simplicissimus müssen der Einsicht folgen, dass sie auf sich selbst gestellt sind. In experimentellen Anordnungen beschreibt der Roman die Verhaltensformen, Charaktereigenschaften und Tugenden, die der moderne Mensch in der neuzeitlichen Gesellschaft benötigt: List, Erfindungsreichtum und Anpassungsfähigkeit gehören dazu, Wagemut und Vorsicht, Neugierde und Wissbegierde. Die „acedia“, die Trägheit – oder schlicht auch Faulheit als klassische Mönchssünde – wird geächtet; an ihre Stelle tritt die Natur– und Weltbeherrschung durch Arbeit. Kurz: Grimmelshausens Roman beschreibt die Geburtsstunde des „okzidentalen Rationalismus“.
Das Ende der modernen Welt: Grimmelshausen im Kulturbetrieb
Das alles will man heute nicht mehr wissen. In der qua Amt zuständigen Kulturbehörde von Grimmelshausens Geburtsstadt, dem hessischen Gelnhausen – die Ehre, dort geboren worden zu sein, muss sich Grimmelshausen mit dem amtierenden deutschen Kulturstaatsminister teilen –, macht man gar nicht erst den Versuch, das Publikum für die Lektüre von Grimmelshausens Romanen zu gewinnen. Öffentliche Aufmerksamkeit zumindest im regionalen Fernsehen suchte und fand man vielmehr mit einem „Social-Media-Experiment“: Man will Grimmelshausens „Simplicissimus“ und „Courasche“ mit eigenen Instagram-Profilen „virtuell zum Leben“ erwecken. Simplicissimus berichtet aus seinem Leben, postet Videos und nimmt die Nutzer mit auf seine Abenteuer – allerdings mit einem „augenzwinkernden und bewussten Bruch zwischen Vergangenheit und Gegenwart“ berichtet die örtliche „Gelnhäuser Neue Zeitung“ und versichert, dass „historische Genauigkeit dabei ausdrücklich nicht das Ziel“ sei.
Aber was denn sonst? „Wir wollen den Menschen ins Bewusstsein bringen, dass dieses Buch einfach unglaublich lustig und auch heute noch gut zu lesen ist.“ Das mag ja alles gut gemeint sein, aber der „Simplicissimus“ ist kein Beitrag zur Spaßgesellschaft, und gut zu lesen ist er heute wirklich nicht. Die 600 bis 800 Seiten, je nach Aufgabe, sind schlicht anstrengend, und „unglaublich lustig“ sind sie auch nicht. Der „Simplicissimus“ ist über weite Strecken ein satirischer Roman; darauf verweist schon der Titelkupfer. Das Bild zeigt eine groteske, aus menschlichen und tierischen Elementen zusammengestellte und mit emblematischen Figuren umgebene Mischgestalt – eine Anspielung auf den griechischen Satyr. Grimmelshausens Satire misst die politische, soziale und konfessionelle Wirklichkeit ihrer Zeit durchgehend an deren eigenen Idealen, und das ist nicht lustig. Er kommt zu dem Befund, dass Ideal und Wirklichkeit weit auseinanderklaffen. Heute würde man von „Doppelmoral“ sprechen, dem Auseinanderfallen von Wort und Tat, wie es sich im Roman sinnfällig in der Figur des Feldkaplans „Dicis & non facis“ – „Du redest, aber tust es nicht“ – verkörpert.
Unter dem Beifall der Qualitätspresse soll dem modernen Publikum eingeredet werden, dass Grimmelshausen – oder sein Simplicissimus – „heute“ wie ein Reporter des öffentlich-rechtlichen Fernsehens per Smartphone über seine Kriegserlebnisse berichten würde. Aber genau das würde er nicht. Denn Simplicissimus schreibt und liest. Das ist eines der großen Leitmotive des Romans. Der Buchdruck, und mit ihm die moderne Welt, hat sich rund hundert Jahre zuvor durchgesetzt, und Grimmelshausen ist ebenso wie seine Romanfigur fasziniert vom Zauber dieser Erfindung. In der kleinen Episode vom Tintenfass malt er sich phantasiereich aus, welche Möglichkeiten in der Kunst des Schreibens stecken: „auß dem selben lange er herauß was er begehre / die schönste Ducaten / Kleider / und in Summa was er vermöchte / hätte er nach und nach herauß gefischt.“ Mit dem Tintenfass kann man reich werden, mit dem Tintenfass kann man auch neue, erfundene Welten schaffen, und das ist die Kunst des Romanschreibers – und nicht die des Smartphone-Influencers, der gewesen sein zu wollen man dem armen Autor in Gelnhausen andichtet. Dieses Angebot richtet sich an eine Gesellschaft, die bereit ist, sich zu Tode zu amüsieren, die aber nicht mehr bereit ist, sich der Faszination jener fremden Welt zu überlassen, die dem Leser von Grimmelshausens Romanen entgegentritt.
Man muss weit zurückgehen, ins 17. und 18. Jahrhundert, um noch etwas von dem Reiz erahnen zu können, die das Geheimnis des Lesens einmal auf die ausgeübt hat, die es sich erarbeiten mussten. Lesen und schreiben ist etwas anderes, als mit einem Smartphone zu hantieren. Die lineare und analytische Form der Schrift, die intellektuelle Herausforderung, aus abstrakten Zeichen Sinn zu schaffen, hat den homo typographicus geschaffen – den Menschen, der rational argumentiert, der logische Widersprüche scheut und der sich im Kontext von „wahr“ und „falsch“ bewegt. Das hat Neil Postman eindringlich hervorgehoben. Die Form des gedruckten Buches habe dem öffentlichen Diskurs seine Struktur und damit der Demokratie ihre Grundlage gegeben. „Lesen können“ bleibt eine einzigartige Kulturleistung, die nicht zu ersetzen ist. Aber mit dem Lesen ist es nicht mehr weit her, 350 Jahre nach Grimmelshausens Tod: Rund ein Viertel der bundesdeutschen Viertklässler erreicht nicht die Mindestanforderungen für das sinnerfassende Lesen. Hier entsteht das künftige Publikum für die Bademeister-Kultur des „Volksbühne“-Intendanten. Am Ende werden die Recht behalten, die „Simplicissimus“ zum Smartphone-Influencer herunterinfantilisieren.
Grimmelshausens „Simplicissimus“ liest sich wie eine Botschaft aus einer fremden Welt. Aber so fremd ist die Welt des „Simplicissimus“ nicht. Der Roman führt zurück in die Entstehungszeit der modernen westlichen Gesellschaften. Diese Gesellschaften aufzubauen, hat Jahrhunderte gedauert. Ihre Zerstörung gelingt in wenigen Jahrzehnten.
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Am Sonntag, 30. August 2026, wurde im „Kontrafunk“-Internetradio in der Reihe „Audimax – das Kontrafunkkolleg“ der Hörfunkvortrag
Hass und Hetze. Eine politische Kampfformel
von Peter J. Brenner gesendet.
Das Begriffspaar „Hass und Hetze“ ist zu einer wirkungsmächtigen Formel im politischen Alltagsgeschäft geworden. Diese Begriffskarriere ist das Resultat einer Emotionalisierung der Politik, wie sie sich seit 2015 beobachten lässt. Die Ächtung des „Hasses“ bis hin zur strafrechtlichen Verfolgung ist keineswegs selbstverständlich, und sie birgt auch Risiken. Der Hass hat durchaus seine soziale Funktion, wie ein Blick auf die Geschichte zeigt. Eine Gesellschaft, die glaubt, den Hass ignorieren oder einhegen zu können, macht sich wehrlos gegenüber denen, die ihn als politische Waffe einsetzen.
Die Sendung ist im Podcast hier gebührenfrei verfügbar.