Die große Revolution Es fing harmlos an. Mitte September gab es, wenn man den Medien trauen will, erste Demonstrationen von Schülern gegen das marode Bildungssystem in Frankreich. Einen Monat später weiteten sie sich zu einem Flächenbrand aus, der viele französische Großstädte erfasste und sich in die Provinz ausdehnte. Aus Paris, Marseille, Lyon, Nantes, Bordeaux, Lille, Limoges, Montpellier, Grenoble, Clermont-Ferrand, Nizza, Besançon, Nîmes, Straßburg werden schwere Ausschreitungen gemeldet; es kam zu Gewalt gegen Einsatzkräfte und Plünderungen, öffentliche Gebäude wurden zerstört und auch in Brand gesetzt. Die Polizei reagierte mit Wasserwerfern und Tränengas, die Behörden verhängten Ausgangssperren und Versammlungsverbote. Hunderte von Polizisten wurden verletzt, Tausende Demonstranten festgenommen. Auch die romanischen Nachbarländer wurden erfasst: In Spanien und Portugal gab es ebenso Demonstrationen wie in Italien. In Florenz, Bologna und Rom kam es zu Straßenschlachten gewalttätiger Demonstranten, das Kolosseum wurde gestürmt. Deutsche Auslandskorrespondenten sahen die Sache nicht so dramatisch. Auch die Französische Revolution sei eine soziale Protestbewegung und ein gewalttätiger Volksaufstand gewesen, und auch damals sei man schon wegen steigender Lebenshaltungskosten auf die Straße gegangen. Aber eine Revolution ist kein Bürgerkrieg, und Vandalismus ist wieder etwas anderes. Die Franzosen haben ein historisch verbürgtes Recht zur Revolution. Schließlich waren sie es, die mit ihrer Großen Französischen Revolution von 1789 sowie den beiden Revolutionen von 1830 und 1848 den Grund gelegt haben für den Aufstieg der bürgerlichen Welt in Europa. Die Franzosen waren nicht die ersten, die ihren König enthauptet haben – das waren die Engländer 1649. Bei den Engländern ging es um die Religion, bei den Franzosen um die Bürgerrecht. Aber worum es heute geht, kann man nicht recht sagen. Auch die Medien in Frankreich wie in Deutschland wissen nicht, was geschieht. Routinemäßig sehen sie in den Demonstrationen einen Protest gegen schlechte Bildung, steigende Preise und die Pariser Zentralregierung im Allgemeinen. Aber das greift offensichtlich zu kurz. Die Medien zeigen andere Bilder. Was hier vor sich geht, hat Hans Magnus Enzensberger in seinem Essay „Aussichten auf den Bürgerkrieg“ schon vor drei Jahrzehnten beschrieben. Das Motiv, das die Marodeure auf den Straßen zusammenhält, sind keine gemeinsamen Interessen und es ist keine Ideologie. Es heißt: „Raub, Mord und Plünderung“. Enzensbergers Beobachtung bezog sich auf Afrika, Lateinamerika, Südasien. Heute muss man so weit nicht mehr reisen; ein Blick über den Rhein reicht aus. Vom Krawall zum Kulturkampf Gelegentlich liest man, solche Krawalle habe es „immer schon“ gegeben, sie seien das typische Phänomen einer maskulin geprägten Jugend‑ oder, wie es früher hieß, „Halbstarken“-Kultur. Der Kriminalstatistiker Werner Sohn hat den kriminalistischen Diskussionsstand kritisch gesichtet. Für Kriminologen sind Krawalle – oder „riots“, das Phänomen wurde zuerst in England untersucht – zunächst einmal die rechtswidrige Zusammenrottung von mehr als zwei Personen, die zur Gewalt gegen Menschen und Sachen bereit sind. In jüngerer Zeit, seit den 1980er Jahren, bekommen sie zunehmend mehr eine politische und vor allem eine ethnokulturelle, später zusätzlich eine mediale Komponente. Krawalle werden als Medienereignisse inszeniert und mit Hilfe digitaler sozialer Medien organisiert und orchestriert. Die aktuellen Ausschreitungen haben einen Vorläufer: die Ausschreitungen in Paris von 2005, bei denen 10 000 Autos angezündet wurden. Enzensberger hat seinerzeit hellsichtig die Ereignisse gedeutet. Er sah eine „Wut auf das Unbeschädigte“ sich abreagieren; einen „Haß auf alles, was funktioniert“. Peter Sloterdijk sprach von einer „Epidemie der Negativität“. Das alles spielt auch heute wieder mit, aber es kommt noch einiges hinzu. Auf den Straßen Frankreichs vermischen sich die Akteure, die Profiteure und die Trittbrettfahrer. Es ist eine seltsame Mischung, die sich hier zusammenfindet. Auch die „Gelbwesten“ sollen an den Ausschreitungen teilgenommen haben. Wenn das stimmt, dann sind es nicht mehr die Gelbwesten von 2018. Denn die hatten andere Ziele: Ihr Protest war seinerzeit getragen vom Wunsch nach einer funktionierenden Gesellschaft und vom Zorn darüber, dass es sie dort, wie sie leben, immer weniger gibt. Sie verlangten nicht mehr, als dass sie von einer angemessen bezahlten Arbeit in einer funktionierenden Umgebung ordentlich leben können. Die aktuellen Proteste versprechen das Gegenteil: die Auflösung der Ordnung und die Zerstörung dessen, was andere geschaffen haben. Das ist das Programm des Vandalismus: die bewusste, aber anonym bleibende Beschädigung fremden Eigentums, sei es öffentlich oder privat. Die Zerstörung ist das Mittel, das Ziel ist die Normverletzung. Die Täter treten in aller Öffentlichkeit auf und bleiben doch anonym, denn sie vermummen sich. Die Objekte ihrer Aggression sind nicht beliebig ausgewählt. Es sind die Symbole einer sozialen und staatlichen Ordnung, die von Grund auf abgelehnt wird. In Frankreich wurde das niedergebrannte Rathaus von Limoges, der Hauptstadt des Départements Haute-Vienne, tief in der französischen Provinz und weit weg von den Banlieues in Paris, zum Fanal; ein denkmalgeschütztes, 1883 im Stil der Neorenaissance errichtetes Gebäude. Im Bistum Marseille wurden Kirchen, in Paris wurde eine Synagoge in der Rue Burnouf, beschädigt. Moscheen bleiben unversehrt. Krawalle mit ethnokulturellem Hintergrund haben eine eigene Qualität, zumal dann, wenn sie sich, wie heute üblich, mit der international vernetzten linksextremen Szene vermischen. Zur demonstrierenden Jugend gehört auch der 75-jährige Jean-Luc Mélenchon, führender Politiker und Präsidentschaftskandidat der islamolinken Partei „La France insoumise“. Sie hat bei den Ausschreitungen kräftig mitgemischt. In Saint-Denis, im Norden von Paris, ließ sich Bally Bagayoko, der Bürgermeister von „La France insoumise“, vor einer brennenden Mülltonne von Schülern umjubeln. Den Jubel hatte er sich verdient: Zuvor hatte er ihnen erklärt, Gewalt könne „ab einem gewissen Punkt legitim sein“. Auch Greta Thunberg war in Saint-Denis dabei, diesmal nicht mit Regenbogenflagge, sondern mit der Kufiya, dem Palästinensertuch, locker über die Schultern gelegt. Auch sonst wurde überall auf den Demonstrationen die Palästinenser-Flagge gezeigt. Der in Frankreich längst schon etablierte und unter dem Signet „Islamogauchisme“ geführte Schulterschluss von radikalen islamistischen Milieus, die wiederum Schnittstellen zur Organisierten Kriminalität aufweisen, und linksradikalen Parteien, könnte auch in Deutschland Anklang finden. Berlin wird gerade zum Testlabor für dieses politische Experiment. Die Krawalle auf den Straßen Frankreichs und der Nachbarländer zeigen keine Schüler, die für bessere Bildung demonstrieren und sie zeigen auch keine Jugend, die sich Sorgen um ihre Zukunft macht. Sie zeigen einen Kulturkampf. Die Normverletzung wird zur Machtdemonstration; sie zeigt, wer über den öffentlichen Raum herrscht. Als Samuel P. Huntington 1995 sein viel diskutiertes Buch über den „Clash of Civilizations“, den „Kampf der Kulturen“ veröffentlichte, konnte er nicht wissen, was noch kommen würde. Huntington teilte die Welt in Kulturzonen auf, an deren Grenzen Konflikte, sogar blutige Kriege sich entzünden würden. Dass dieser Kampf der Kulturen einmal nicht an den Grenzen weit entfernter Länder, sondern innerhalb westeuropäischer Länder ausbrechen würde, hatte er sich noch nicht vorstellen können. Wenn die Lautsprecher der Akteure gebildeter wären als sie sind, dann könnten sie sich auf Karl Marx berufen. In seiner berühmten Darstellung der „Pariser Commune“ von 1871 adelte er den Vandalismus während der Barrikadenkämpfe als revolutionäre Tat, als einen „Moment in dem Riesenkampf zwischen einer neuen, emporkommenden und einer alten zusammenbrechenden Gesellschaft“. Auch im Vandalismus der Gegenwart mag man die Symptome einer „zusammenbrechenden Gesellschaft“ erkennen; wenn aber die „neue, emporkommende Gesellschaft“ so aussehen wird, wie sie sich jetzt auf den Straßen Frankreichs darstellt, dann ist das nichts, was man sich wünschen sollte. Die Abgehängten Nicht alle waren empört über die enthemmten Ausbrüche von Gewalt. Irgendwie, so glaubten viele besonders in Deutschland, habe „die Gesellschaft“ versagt. Sie habe den migrantischen Jugendlichen in den Banlieues keine Perspektive geboten. Das französische Bildungssystem war, anders als das deutsche, einmal sehr stolz auf das kulturelle Erbe der „Grande Nation“. Die eigene Geschichte, Philosophie, Literatur waren verbindlicher Lehrstoff an Frankreichs Schulen, und man hatte auch keine Scheu, Eliteschulen und ‑hochschulen für die besonders Begabten anzubieten. Viel scheint nicht mehr davon übriggeblieben zu sein. Kritiker beanstanden, dass durch fortlaufende Lehrplanreformen das Bildungsniveau gesenkt worden sei und dass sich ein Zweiklassensystem mit bildungsbürgerlichen Milieus auf der einen und den Banlieues auf der anderen Seite herausgebildet habe. Richtig ist jedenfalls, dass die Lehrpläne im Laufe der letzten Jahrzehnte eine stärkere interkulturelle Ausrichtung erhielten, um der Diversität der modernen französischen Gesellschaft gerecht zu werden, wie man so sagt. Es scheint wenig genutzt zu haben. Wenig genutzt haben auch die enormen finanziellen und strukturellen Zuwendungen, die man den besonders benachteiligten Gebieten, den „Réseaux d’Éducation Prioritaire“, mit den Programmen REP und REP+ zukommen ließ und mit denen 20 Prozent aller französischen Schüler betreut und gefördert werden. im Zuge der aktuellen Proteste hat die Regierung Macron weitere vier Milliarden Euro – die sie nicht hat und die ihm auch Deutschland nicht mehr geben kann – zugesagt. Auch das wird nicht viel nützen. Wenn die Schulen in den Banlieues marode sind, dann liegt es wohl eher an den Schülern als am Geld. Jedenfalls sind die Sozialausgaben in Frankreich mit rund 32 bis 34 Prozent des BIP die höchsten in der EU. Und Deutschland? Die Deutschen gehen die Sache etwas gemächlicher an. In Deutschland wurden die Aktionen mit großer medialer Sympathie betrachtet, Anschlusstäter finden sich jedoch nur zögernd. Für den 31. Oktober 2026 – früher war das der Reformations- und der Weltspartag, heute wird an diesem Tag Halloween gefeiert – wurden Demonstrationen in vielen deutschen Großstädten angekündigt. Initiator ist die etwas undurchsichtige Organisation „Gen Z regelt“, die sich selbst als eine überparteiliche Jugendinitiative beschreibt. Sie ruft Schüler, Studenten und junge Erwachsene über soziale Plattformen zu Großdemonstrationen in über 20 deutschen Städten auf. Zur „Generation Z“ gehören die Menschen der Geburtsjahrgänge 1995 bis 2010. Diese junge Generation hat in der Tat widersprüchliche Erfahrungen machen müssen. Auf der einen Seite ist sie in einem ungefährdeten Wohlstand aufgewachsen, auf der anderen Seite wurde sie verängstigt durch echte und herbeigeredete globale Krisen, durch Schulschließungen, Kriege und wirtschaftliche Unsicherheiten, die sich zu einer nicht unberechtigten Zukunftsangst aufsummierten. Diese Generation scheint ihre Lektion gelernt zu haben. Das Weltrettungspathos früherer Jahre ist erloschen. Bei ihren Demonstrationen geht es um Bildungsreformen, soziale Sicherheit, „bezahlbares Leben“, ein vertrauenswürdiges Gesundheits- und Rentensystem. Neu hinzugekommen ist die Ablehnung der Wehrpflicht. Auch der „Klimaschutz“ darf nicht fehlen, das gehört zur Protestroutine des Greta-Erbes. Aber die Generation Z denkt nicht an den Planeten, sondern jeder denkt an sich selbst und an seine je individuelle Zukunft im Zeichen der Work-Life-Balance. Sie haben es verstanden: Der Tombola der Wohlstandsgesellschaft sind die Preise ausgegangen. Jetzt geht es darum, die eigenen Pfründe zu sichern. Das postkoloniale und intersektionale Bündnis der letzten Jahre aus Regenbogenflagge, LGBTQ, BiPOCs, Fridays for Future wird sehr schnell auseinander herfallen, wenn der kleiner werdende Kuchen des Sozialstaats verteilt werden muss. Der stille Protest Ihre Antwort könnte ganz anders aussehen, als man es sich vorstellen kann und wünschen sollte. 2024 sind gut 75 000 junge Leute zwischen 18 und 29 aus Deutschland ausgewandert; über 40 Prozent dieser Altersgruppe gaben bei einer Befragung der Studie „Jugend in Deutschland 2026“ an, ebenfalls mit einer Auswanderung zu liebäugeln. In vielen Ländern der Welt sind die Steuern niedriger, das Einkommen höher, die Lebensqualität attraktiver, die Zukunftsaussichten besser als in Deutschland. Hauptziele sind Österreich und die Schweiz, aber auch die USA und die osteuropäischen EU-Länder Polen oder Ungarn sind attraktiv. Wer die Angebote des deutschen Bildungssystems angenommen und sich gut hat ausbilden lassen, findet sich überall zurecht, wo es Internet gibt und wo man mit Englisch weiterkommt. Zurück bleiben die dann im Wortsinne Abgehängten. Das sind die NEETS: „Not in Education, Employment or Training“. In Deutschland lag die NEET-Quote im Jahr 2025 bei zehn Prozent der 20- bis 24-Jährigen. Für die Alterskohorte 15 bis 29 Jahre werden bis zu 1,2 Millionen „NEET“-Personen errechnet, wenn integrative Maßnahmen und fehlende reguläre Schulabschlüsse mit einbezogen werden. Hier zeichnen sich die wahren sozialen Konfliktlinien der Zukunft ab. Die autochthonen Mittelschichtkinder aus der Wohlstandsgeneration werden irgendwann erkennen, dass es nicht ihre Eltern‑ und Großelterngeneration ist, die ihre Zukunft bedroht, sondern ihre Generationsgenossen aus den migrantischen Parallelmilieus. Die Generation Z wird ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen müssen, wie jede andere Generation vor ihr auch.
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Am Sonntag, 25. Oktober 2026, wurde im „Kontrafunk“-Internetradio in der Reihe „Audimax – das Kontrafunkkolleg“ der Hörfunkvortrag
No Borders, no Nations. Eine fatale Illusion
von Peter J. Brenner gesendet. Die Sendung ist im Podcast hier gebührenfrei verfügbar.
Grenzen sind lästig, und wenn sie dazu dienen, nationale Interessen zu schützen und Fremde vom eigenen Wohlstand auszuschließen, dann erscheinen sie auch als verwerflich. Aber während unablässig die Abschaffung von Grenzen gefordert wird, hat sich seit der Jahrtausendwende die Zahl der Grenzanlagen im globalen Maßstab und auch in der EU dramatisch erhöht. Denn Grenzen haben sich bewährt; sie sind Konfliktzonen ersten Ranges, aber sie schützen auch und sie stiften Identität.