Zur Lage der Satire in Deutschland

Wer hĂ€tte das gedacht: Die Deutschen haben ja doch Humor. In diesen Krisenmonaten entpuppt sich Deutschland als Land der Satiriker. Gleich zu Jahresbeginn ging es los: Der Westdeutsche Rundfunk versendete einen umgeschriebenen Gassenhauer aus den 1930er Jahren, in dem einer Großmutter ein nicht Greta-konformer Lebensstil vorgeworfen wurde. Angesichts des Proteststurms fiel den Verantwortlichen im Nachhinein, aber gerade noch rechtzeitig, ein, dass es sich um Satire gehandelt haben mĂŒsse. Diese sei als solche jeder Kritik enthoben, vielmehr mache sich jeder Kritiker daran selbst verdĂ€chtig.

Den zweiten Höhepunkt der neuen deutschen Satirewelle markierte eine nichtbinĂ€re Person namens Hengameh Yaghoobifarah, ursprĂŒnglich Apothekerstochter aus Buchholz in der Nordheide, mit einem Kommentar in der renommierten tageszeitung vom Juni 2020. Hier erklĂ€rte sie (oder er oder es) wenig menschenfreundlich, irgendwie seien Polizisten auf der MĂŒllhalde besser aufgehoben. Davon versteht sie (oder er oder es) etwas, denn nach seiner (oder ihrer) Selbstbeschreibung ist er (oder sie oder es) „Autor_in, Redakteur_in und Referent_in zu Queerness, Feminismus, Antirassismus, Popkultur und MedienĂ€sthetik“. Der MĂŒll-Text war, wie diese Selbstbeschreibung erahnen lĂ€sst, nicht sonderlich witzig. Aber was danach kam, war bestes Kabarett: Der Bundesinnenminister ersuchte um eine Audienz bei der Redaktion, die ihm indes nicht gewĂ€hrt wurde.

Als die Kritik an dem Beitrag auch in der eigenen AnhĂ€ngerschaft allzu stark anschwoll, schickte die Redaktion einen Anwalt ins Rennen, der sich auf das wdr-Modell besann und den Text zu einem „satirisch geformten [
] Gedanken“ – nun auch das noch – erklĂ€rte. Diese Deutung erhielt bald die höchste aller denkbaren Weihen: Ein F.A.Z.-Redakteur teilt ex officio per Twitter mit: „Dass Yaghoobifarahs Text als Satire aufgefasst werden möchte, erschließt sich schon nach wenigen Zeilen, als er den Boden des Realen verlĂ€sst und sich dem ImaginĂ€ren zuwendet.“ Diese erhellende ErlĂ€uterung des Wissenschaftsredakteurs und Kultur­korrespondenten einer ĂŒberregionalen Zeitung – in Bayern nennt man solche Leute Siebeng‘scheiterl – war genau das, was der Angelegenheit noch gefehlt hatte, um ihr den letzten satirischen Schliff zu geben. FĂŒr Yaghoobifarah hat sich das Ganze ĂŒbrigens gelohnt: Es wurde vom Berliner Luxuskaufhaus KaDeWe als Model fĂŒr eine Werbeanzeige fĂŒr Luxuskleidung angeworben.

Nicht immer ist es so einfach wie im Fall des wdr und der taz, sich auf die Satire herauszureden, nachdem man sich hineingeritten hat. DafĂŒr muss man schon auf der richtigen Seite stehen. Denn Satire kann ziemlich kompliziert werden, so kompliziert, dass sich oft Juristen damit befassen mĂŒssen, zu deren Berufsbild es gehört, schwierige Dinge einfach zu machen. Das ist in einem Fall der publizistisch vielfach gewĂŒrdigten rechtsextremen Chat-Gruppen in Nordrhein-Westfalen geschehen: Eines der von einer Polizistin per WhatsApp geteilten Hitler-Bilder entpuppte sich als ein Hitler-Darsteller mit WeihnachtsmannmĂŒtze und Rentiergeweih. Damit standen die Richter vor der schwierigen Frage, ob es sich um die strafbare Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen gemĂ€ĂŸ § 86 Abs. 3 StGB handelt oder um die gemĂ€ĂŸ § 189 StGB ebenso strafbare Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener. Das Gericht entschied sich fĂŒr eine salomonische Lösung: Es befand, dass es sich um eine Parodie handelt, die derzeit noch nicht strafbar ist, und hob die Suspendierung der Polizistin auf. Allerdings fand diese Meldung in der Presse nicht mehr auf den Titelseiten, sondern nur noch unter „Vermischtes“ ihren Platz.

 

Politik und Satire

Eine kurze öffentliche Erregungswelle verursachte im September 2020 die entgleiste Formulierung in einem Kommentar des Kolumnisten Stefan Paetow ĂŒber die Berliner SPD-Politikerin Sawsan Chebli im Online-Magazin Tichys Einblick. Da die Politikerin einen Migrationshintergrund hat, gab es einen schrillen Aufschrei, der sich kurioserweise nicht gegen den Autor, sondern den Herausgeber des Magazins richtete. Aber das ist eine andere Geschichte.

In der Sache handelte es sich nicht um eine Satire gegen eine Berliner Politikerin, sondern eher um eine Rangelei unter konkurrierenden Satirikern. Paetow gelingen in der Regel lesenswerte, mit sanfter Ironie und gelegentlichem Sarkasmus formulierte Kommentare zum aktuellen Politik- und Mediengeschehen. Aber Sawsan Chebli ist eindeutig begabter. Die studierte Politologin war stellvertretende Pressesprecherin des AuswÀrtigen Amtes unter Dr. jur. Frank-Walter Steinmeier. In dieser Funktion hat sie ihre satirische Kompetenz vielfach unter Beweis gestellt. Auf die Frage nach der völkerrechtlichen Legitimation eines Bundeswehreinsatzes in Syrien antwortete sie im Juli 2015 auf der Bundespressekonferenz:

„Das, was Syrien angeht, da haben wir, da haben wir die internationale Koalition, die, die in, also Amerikaner, die Amerikaner und weitere Staaten. Die Notwehr, das völkerrechtliche Mandat war ja Notwehr sozusagen, der, um dem Irak zur Hilfe zu kommen. Und jetzt ist es auch so, dass natĂŒrlich die TĂŒrkei. GrundsĂ€tzlich gibt es auch im Völkerrecht unter bestimmten Bedingungen das Recht auf Notwehr gegen Angriffe, und das ist jetzt auch in diesem Fall der Fall.“

Das ist großes Kabarett. Der geniale Stotterer und Meister des Anakoluths Werner Finck hĂ€tte es kaum besser hinbekommen. Mit ihrer B-Besoldung war Chebli damals sicher die bestbezahlte Kabarettistin im öffentlichen Dienst. Inzwischen hat sie allerdings das Fach gewechselt, wie die Neue ZĂŒrcher Zeitung beobachtete: Jetzt redet sie bei ihren öffentlichen Auftritten nicht mehr ĂŒber Politik, sondern ĂŒber sich selbst, wo sie sich auch eindeutig besser auskennt: Im August gab sie bekannt, dass sie gerade „selbst Mutter eines dreijĂ€hrigen Kindes geworden“ sei.

Seit ein google-kundiger Journalist im Zuge der wdr-Diskussion die einschlĂ€gige Textstelle gefunden hat, wird Kurt Tucholsky neuerdings gerne mit dem Befund zitiert, Satire dĂŒrfe alles. Aber aus einem von Tucholskys „Schnipseln“ von 1932 stammt auch die gegenteilige Warnung, dass die Satire oben wie unten ihre Grenze habe: „so tief kann man nicht schießen“, dass man Ende auch noch Saswa Chebli trifft. Anders gesagt: Chebli ist selbst eine begabte Satirikerin, aber als Objekt von Satire taugt sie nichts, das hĂ€tte Paetow bedenken sollen.

Chebli spielt politisch in der zweiten, eher sogar in der dritten Liga. In der ersten Liga, dem Bundestag, fĂ€llt man etwas zurĂŒck, seit ein Herbert Wehner oder ein Franz Josef Strauß dem Parlament nicht mehr angehören. Aber man bemĂŒht sich. Nachdem 2013 die spĂ€tere und inzwischen ziemlich gerĂ€uschlos versorgte Arbeitsministerin mit den Absingen eines Kinderliedes vor dem deutschen Bundestag neue MaßstĂ€be der Infantilisierung gesetzt hat, versuchte sich, sieben Jahre spĂ€ter, die damalige wie heutige Bundeskanzlerin bei ihrer RegierungserklĂ€rung zu den gerade beschlossenen Corona-EinschrĂ€nkungen auch einmal, noch recht ungelenk, im gleichen Fach. Ihre Redenschreiber hatten ihr ein Zitat der Wissenschafts­journalistin Mai Thi Nguyen-Kim aufgeschrieben, mit dem die Bundeskanzlerin am Ende ihrer Rede ihre „tiefe Überzeugung beschreibt“: „Es geht hier um unsere Haltung zu dem Virus, das – man stelle sich einmal vor, es könne denken –, von sich denken wĂŒrde. Ich zitiere: ‚Ich hab‘ hier den perfekten Wirt. [
] Also besser kann es gar nicht sein.‘ Und weiter sagte sie, wieder aus der Perspektive der Menschen: ‚Nee, Virus. [
] Wir werden Dir zeigen, dass Du Dir den falschen Wirt ausgesucht hast! (Applaus)“. In der Vorstellungswelt der Bundesregierung kommen also denkende Viren vor. Mit denkenden BĂŒrgern scheint man eher weniger zu rechnen.

Da war der Versprecher schon amĂŒsanter – und als Freudsche Fehlleistung erhellender ­­–, mit dem die Bundeskanzlerin in der gleichen Rede kurz zuvor bei ihrer Bevölkerung um VerstĂ€ndnis fĂŒr die Maßnahmen der Bundesregierung warb: „Nicht jeder von uns muss dabei einen Beitrag leisten 
“. In den Untertiteln der Internet-Version hat man das deutlich ausgesprochene „nicht“ dann doch lieber weggelassen.

 

Öffentlich-rechtliche GeschĂ€ftsmodelle: Welcke und Böhmermann

In jĂŒngerer Zeit hat das öffentlich-rechtliche Fernsehen seinen Narren an den Kabarettisten, Satirikern, Komikern, Comedians oder wie die Berufsbezeichnungen gerade heißen, gefressen, die – vielleicht aus gutem Grund? – mehr und mehr die Rolle von Journalisten und Politikern ĂŒbernehmen. In den Nachrichtensendungen und Politiktalkshows des Sommers 2020 erhielten sie zahlreiche Auftritte. Der Comedian Marius Jung wurde am 7. Juni 2020 im „heute journal“ von Marietta Slomka ĂŒber Rassismus befragt, am 7. Oktober 2020 wurde der Komiker Bernhard HoĂ«cker bei Maischberger als Experte fĂŒr Donald Trump herangezogen, der alte Haudegen JĂŒrgen von der Lippe war, weil sich sonst niemand traute, zwei Tage vorher als Gast bei „Hart aber fair“ fĂŒr kritische Bemerkungen ĂŒber Political Correctness zustĂ€ndig, und zuvor hatte Maybrit Illner zu ihrer Rassismus-Sendung vom 25. Juni 2020 die Kabarettistin Idil Baydar als Expertin fĂŒr irgendetwas eingeladen. So entsteht die seltsame Konstellation, dass man Satire nicht mehr ernst nehmen kann.

Aber das ist nur mediales Treibgut. Die stabilen Anker des Polit-Comedy-GeschĂ€ftes im öffentlich-rechtlichen Rundfunk haben ihre eigenen Sendungen. In einer einzigen Woche versendet allein die ARD ĂŒber ein Dutzend Formate, die in irgendeiner Form zur Rubrik „Kabarett und Comedy“ gehören und zum guten Teil einen mehr oder minder ausgeprĂ€gten politischen Anspruch haben. Am prominentesten platziert ist zurzeit Dieter Nuhr, der nach dem Motto der Echternacher Sprungprozession ­– vier Schritte nach rechts und dann mindestens so viele nach links­ – auch mal was gegen die Regierungspolitik sagen darf. Das ZDF kann seiner Struktur gemĂ€ĂŸ nicht ganz so viele Sendungen anbieten, hat aber die beiden MarktfĂŒhrer „heute show“ und „Neo Magazin Royale“ im Angebot. Ihnen wird glaubhaft nachgesagt, ihr politischer Einfluss sei grĂ¶ĂŸer als der der eigentlichen Nachrichtensendungen.

Aber die vielgerĂŒhmte Sendung „heute show“ mit Oliver Welke hat ihre dunklen Seiten, so harmlos sie auch daherkommt. Sie ist ja meistens ganz witzig, je nach Tagesform der Witzelieferanten im Hintergrund. Aber wer genau hinschaut, erkennt das Muster: Scharen von Mitarbeitern werden losgeschickt, um Videoschnipsel zu finden, mit denen sich politisch unerwĂŒnschte Menschen lĂ€cherlich machen lassen, die keine paar Auslandssemester an der Sorbonne oder in Harvard verbracht oder wenigstens eine Journalistenschule besucht haben und sich deshalb nicht ganz so gewĂ€hlt ausdrĂŒcken können. Nicht nur wird das auf Dauer langweilig, es hat auch einen menschenverachtenden Grundzug, der einen bitteren Nachgeschmack hinterlĂ€sst. Aber das gehört zum Satiresystem des ZDF.

Der Meister der Satire ohne Witz und Geist ist indes Jan Böhmermann. Von 2013 bis 2019 durfte er mit seinem Fernsehmagazin „Neo Magazin Royale“ im ZDF auf Kosten der Beitragszahler allwöchentlich seinen GeschĂ€ften nachgehen und seinen Markennamen pflegen, ab November 2020 nimmt er nach einer Pause seine GeschĂ€fte wieder auf, diesmal im Hauptprogramm des ZDF. Seinen eigentlichen Ruhm erhielt er aber nicht durch seine mal mehr, mal weniger aufschlussreichen investigativen Recherchen, die mal weniger und mal noch weniger satirisch aufbereitet werden. Seinen eigentlichen Ruhm verdankt er seinen Twitter-Flegeleien, von denen er in den letzten zehn Jahren ĂŒber 25 000 in die Welt hinaus gesendet haben soll, also etwa 6,9 pro Tag. Die Satire entlarvt ihren Urheber mindestens im gleichen Maße wie ihren Gegenstand, auch das kann man bei Tucholsky nachlesen.

 

SchĂŒtzt die Satire

In ihrer knapp 2000-jĂ€hrigen Geschichte war Satire immer ein literarisches Medium der Herrschaftskritik, mal wirksam, mal unwirksam, mal geduldet, mal unterdrĂŒckt. Besonders in diktatorischen Zeiten bewĂ€hrten sich ihr Hintersinn und ihre Uneindeutigkeit, weshalb sie leicht zum Opfer von Verfolgung werden konnte. GeĂ€ndert hat sich das erst in der DDR: Hier hat man, gut dialektisch, festgestellt, dass es keine gegen den Staat gerichtete Satire mehr geben könne, weil es auch keine UnterdrĂŒckten mehr gibt. Jetzt sei es Aufgabe der Satire, ihre „Àtzende Kritik“ gegen „rĂŒckstĂ€ndiges, nicht-sozialistisches Denken und Verhalten“ zu richten.

Diese Auffassung von Satire gehört offensichtlich, wie das AmpelmĂ€nnchen, zu jenen KulturgĂŒtern, die sich aus der DDR in die Bundesrepublik hinĂŒbergerettet haben. Eigentlich war das anders gemeint. Wenn die großen Satiriker der abendlĂ€ndischen Literaturgeschichte zur Feder griffen, suchten sie nicht den Schulterschluss mit der Macht und schielten auch nicht auf die Geldtöpfe öffentlich-rechtlicher Anstalten.

Satire ist nicht beliebig. Satire setzt WertmaßstĂ€be voraus, an denen sie die VerhĂ€ltnisse misst. Aber sie setzt keine Zeichen, sie zeigt keine Haltung und sie sagt auch nicht, „was ist“. Satire sĂ€t Zweifel und sie nimmt den Dingen ihre Eindeutigkeit. Sie eröffnet SpielrĂ€ume und Denkhorizonte dort, wo alle sich erst einmal einig sind. Sie weitet auch keine DebattenrĂ€ume aus, von denen jetzt so viel die Rede ist. Sie untergrĂ€bt sie.

Aber Satire muss man können. Ihr stehen viele Stilmittel zur VerfĂŒgung: Humor, Komik, Witz, Ironie; allesamt höchst anspruchsvolle Formen uneigentlichen Sprechens. Sie setzen beim Autor wie seinen Lesern eine ausgeprĂ€gte FĂ€higkeit zum Umgang mit der Sprache voraus und ebenso einen weit ausgreifenden Bildungs- und Kulturhorizont. Niemand wird im Ernst behaupten wollen, dass diese Voraussetzungen bei der tageszeitung, beim wdr oder sonst irgendwo im Fernsehen oder bei politischen Redenschreibern gegeben seien, von den Social Media ganz zu schweigen.

Die Satire ist eine der Ă€ltesten und anspruchsvollen literarischen Gattungen ĂŒberhaupt. Ihre MaßstĂ€be wurden gesetzt von Juvenal und Lukian, von François Rabelais und Johann Christoffel von Grimmelshausen, von Jonathan Swift und Christoph Martin Wieland, von Heinrich Heine und Mark Twain, von Karl Kraus und Kurt Tucholsky – und nicht von Oliver Welke oder Jan Böhmermann.